Besteigung des Fujiyama – Auf Japan’s höchstem Punkt

Die Besteigung des Fujiyama oder richtiger des Fujisan ist eine einmalige Erfahrung. Ein japanisches Sprichwort sagt „Wer den Fuji nicht besteigt, ist ein Narr. Wer den Fuji aber bestiegen hat ist ebenfalls ein Narr.“ Ein anderes Sprichwort sagt aber auch: „Es ist klug, den Fuji einmal bestiegen zu haben, jedoch dumm ihn ein zweites Mal zu besteigen.“

Ich glaube, in beiden liegt ein bisschen Wahrheit.

Während der offiziellen Saison im Juli und August (nur in dieser Zeit ist der Gipfel des Fuji relativ gefahrlos zugänglich) werden schließlich alljährlich 300.000 Besucher auf dem mit 3.776 Metern höchsten Berg Japans gezählt. Von Kindern bis hin zu Greisen sind alle Altersgruppen vertreten. Darunter auch viele Leute, die dem Fuji verfallen sind und ihn trotz der teilweise extrem beschwerlichen Besteigung immer und immer wieder erklimmen.

Auch wenn der Berg jährlich so viele Besucher anzieht und sogar von über 90 Lebensjahre zählenden Personen bestiegen wurde, so heißt dies nicht, dass der Berg leicht oder gar ungefährlich wäre. Besonders am Nachmittag ist die Gefahr von Gewittern am Fuji sehr hoch und erst einen Tag bevor ich den Aufstieg in Angriff, ist in der Nähe der 8. Station ein Besucher vom Blitz getroffen worden und verstarb auf der Stelle. Dazu kommen extrem heftige Regenfälle, starke Winde, Steinschlag, unwegsames Gelände und nicht zu vergessen die Gefahr der Bergkrankheit, denn bei einer Höhe von über 3.000 Metern ist natürlich auch der Sauerstoffgehalt der Luft deutlich geringer als unten. Außerdem ist in dieser Höhe jederzeit mit schnellen Wetterumschwüngen zu rechnen.

Normalerweise beginnt die Bergbesteigung an einer der vier fünften Stationen, die sich bereits in einer Höhe zwischen 1.400 bis 2.400 Metern befinden. „Kawaguchiko Gogome“ ist die von Tokyo aus am leichtesten zu erreichende 5. Bergstation, weshalb der dort beginnende Yoshida-Trail auch zu den populärsten zählt. Obwohl es einige Berghütten gibt, so ist man doch gut beraten, die erforderliche Verpflegung und ganz besonders ausreichend zu trinken mit auf den Weg zu nehmen, da die Preise mit zunehmender Höhe deutlich steigen und auf dem Gipfel rund das Dreifache des Normalpreises kosten. Warme Kleidung, Handschuhe, wind- und wetterfeste Kleidung gehören ebenso zur Standardausrüstung wie eine Taschenlampe (Kopflampe), wenn der Berg des Nachts bestiegen wird.

Einer der wichtigsten Gründe neben der besonderen Herausforderung, die dieser Berg stellt, oder religiösen Gründen (Pilgerfahrt) ist der Sonnenaufgang, den die Japaner von der Spitze des höchsten Berges des Landes sehen wollen. Deshalb beginnen viele die Bergbesteigung am Nachmittag oder Abend, um dann rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. „Gokurai“ den Sonnenaufgang sehen ist für viele Japaner ein einmaliges Erlebnis. Wenn man die Atmosphäre am Mt. Fuji erlebt hat, versteht man auch, warum nicht wenige Japaner immer wieder diese Erfahrung suchen.

Ich wollte mich allein auf den Weg zum Gipfel machen. Auf dem Weg zur 6. Station traf ich eine Gruppe von vier jungen Japanern mit denen ich ins Gespräch kam woraufhin sie mich einluden, den Berg gemeinsam zu besteigen. In einer Gruppe zusammen mit Gleichgesinnten ist eine solche Herausforderung natürlich viel leichter zu meistern und zudem eine besondere Erfahrung.

Der Weg von der 5. Station zur 6. Station ist ein sehr breiter, leicht ansteigender Weg, der eher an eine Promenade denn an einen Wanderweg hinauf zum Gipfel des höchsten Berges in Japan erinnert. Ab der 6. Station ändert sich das aber recht schnell. Noch immer ist der Weg breit und führt stufenartig nach oben. Er ist anstrengend aber noch keine wirkliche Herausforderung. Schon bald jedoch geht dieser Pfad in reines Felsgestein über. Selbst die festen Steine sind teilweise nur schwer zu besteigen, da sie selbst in trockenem Zustand sehr rutschig sind.

Dann geht der Pfad über lange Strecken in steil ansteigende Felsformationen über, über welche der Weg rasch bergan führt. Man gewinnt in diesen Bereichen schnell an Höhe, allerdings sind diese Abschnitte auch besonders kräftezehrend. Dann folgen wieder Strecken losen Lavagerölls, welches gleichfalls ein Fortkommen sehr mühsam macht. Es gilt die Kraftreserven klug einzuteilen, um es bei der dünnen Luft und den teils extremen Wetterverhältnissen überhaupt bis zum Gipfel zu schaffen. Wenn man dann darüber hinaus bedenkt, dass jeder der Bergsteiger rund 10 Kilogramm Gepäck mit sich führt und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Strecke in der Regel nur beim faden Schein der Kopflampe bewältigt wird, so wird ansatzweise nachvollziehbar, welche Herausforderungen der Berg stellt. Es ist zwar durchaus möglich am Morgen von Tokyo zu starten, den Berg an einem Tag zu besteigen und auch wieder nach Tokyo zurückzukehren, jedoch ist so natürlich der Sonnenaufgang nicht zu beobachten.

Wir hatten unseren Aufstieg am Nachmittag begonnen. Die Strecke bis zum Gipfel ist mit 7,6 Kilometer nicht sonderlich weit. Auf den ersten Blick scheint dies nicht wirklich eine Herausforderung zu sein. Allerdings werden auf diesem 7,6 Kilometer langem Pfad 1.300 Höhenmeter überwunden. Das entspricht einer durchschnittlichen Steigung von 20% über die gesamte Strecke, wobei einige flache, jedoch viele sehr stark ansteigende Passagen mit Steigungen von stellenweise über 50% enthalten sind. Die angegebenen Wegzeiten stimmten jedoch auffallend. 6 Stunden für den Aufstieg (die nötigen Pausen nicht eingerechnet) waren genau die Zeit, die man tatsächlich unterwegs ist.

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die 8. Station in 3.400 Metern Höhe. Damit hatten wir in den vergangenen Stunden knapp 1.100 Höhenmeter überwunden. Aber bis zum Sonnenaufgang um 4.40 Uhr am nächsten Morgen war noch viel Zeit … Oben waren starke Winde zu erwarten wie man uns sagte, weshalb wie beschlossen zunächst vor der dem „Fuji Hotel“, eher einer Absteige, denn einem Hotel gleichend, zu warten. Zwar hätten wir auch im „Hotel“ übernachten können, aber unser Ziel war ja der Berggipfel. Dass im Hotel noch Übernachtungsplätze frei waren, war an sich schon bemerkenswert. In der Regel sind die Übernachtungsplätze nämlich schon lange im Voraus ausgebucht. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass bisher schlechtes Wetter geherrscht hatte. Heute war seit Wochen der erste schöne Tag an dem es auch auf dem Fuji keinen Regen gegeben hatte.

Den Abendhimmel genießend vertrieben wir uns die Zeit. Die hinter dem Fuji stehende Gewitterwolke bot angeleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne einen interessanten Anblick. Die sie durchzuckenden Blitze ließen nur erahnen, was es bedeutet hätte, in ein Gewitter im Fuji zu geraten …

Weit unter uns gab es ein Feuerwerk. Wie winzig klein doch die „Feuerblumen“ von hier oben aus waren … Letztes Jahr hatte ich eines der berühmten japanischen Feuerwerke aus nächster Nähe sehen können. Da schienen die Feuerwerks-Bomben den ganzen Himmel auszufüllen …

Die Zeit verging und es wurde kälter. Für 1.000 Yen könne man sich im Hotel drinnen für eine Stunde aufwärmen hatte uns der Hotelier zuvor freundlich empfohlen. Dies taten wir nun und machten uns dann um 11 Uhr nachts auf den letzten Wegabschnitt zum Gipfel. Dabei merkten wir bald wie gefährlich es ist, in der Dunkelheit den Berg zu besteigen. Da der Pfad kaum vom übrigen Lavagestein auf dem in diesem Bereich 45 Grad steilen Berghang zu unterscheiden war, fanden wir uns einmal neben dem eigentlichen Pfad wieder. Zwar noch ganz in der Nähe – aber immerhin …

Bei einer Rast auf dem Felspfad nach einem besonders steilem Abschnitt genossen wir die Stille des Berges kein Laut drang an unsere Ohren. Tief unter uns die Lichter der Stadt, über uns das fahle Licht der Sterne und der Milchstraße – ein unvergleichlich schöner Moment.

Gegen 1 Uhr trafen wir auf dem Gipfel ein. Wir waren zu diesem Zeitpunkt keineswegs die ersten, aber einen sehr schönen Platz in der ersten Reihe konnten wir uns sichern.

Wir erfreuten uns des nahen Sternenhimmels, dem ich in der freien Natur noch nie so nahe war wie in jenem Moment … Die Sterne habe ich in Japan noch nie so klar sehen können. Zahlreiche Sternschnuppen fielen vom Himmel. In Augenblicken wie diesen merkt man erst wie klein der Mensch im Vergleich zu dieser großartigen Schöpfung ist, die man hier hoch oben auf dem Berg besonders intensiv erfahren kann.

Doch dann … So lange wir den Berg hinaufstiegen war uns die Kälte der Nacht nicht so bewusst geworden. Jetzt aber kroch die Kühle der Nacht langsam in alle Glieder. Eigentlich wollten wir ein wenig schlafen, doch bei der sich langsam ausbreitenden Kälte war an Schlaf nicht zu denken. Eine warme Nudelsuppe und ein warmer Tee halfen ein wenig über die schlimmste Kälte am frühen Morgen hinweg.

Gegen 2 Uhr nachts schien der Berg unten zum Leben erwacht zu sein. Unzählige Lichter in endloser Folge bewegten sich den Berg hinauf. Teils als sich windende Schlange, teils wie ein Gewimmel … Es schien als ob ein ganzes Heer von Ameisen nun den Berg erklimmen würde. Jeder der Frühaufsteher hatte eine Kopflampe, die den Weg einigermaßen ausleuchtete. Die geführten Bergtouren hatten jeweils mindestens zwei Führer. Einer lief der Gruppe voran, der andere folgte der Gruppe. Diese hatten in ihren Rucksäcken hell blinkende Leuchtstäbe eingesteckt. Ein pitoresques Bild von oben aus gesehen.&

Gegen 3.00 Uhr begann der Himmel im Osten endlich langsam heller zu werden und plötzlich wurde es laut auf dem Berggipfel, denn die Geschäfte und Imbiss-Buden öffneten. Die Inhaber warben mit lauter Stimme um Kundschaft. Mittlerweile waren auch schon eine ganze Reihe weiterer Frühaufsteher eingetroffen. Alle suchten nur nach einem: Einen Platz von dem aus man den Sonnenaufgang möglichst ungestört sehen und genießen konnte.

Die Zeit des Sonnenaufgangs war gekommen. Alle schauten gebannt und erwartungsvoll in Richtung Osten wo der Himmel schon rot war und das nahe Erscheinen der Sonne ankündigte. Am Berghang war es zwischenzeitlich ebenfalls still geworden. Auch die, die es noch nicht bis zum Gipfel geschafft hatten hielten inne und blickten gen Osten.

Es war still geworden. Nur die Trommel des nahen Schreins hallte über den Berg.

Endlich! Der glutrote Sonnenball erschien am östlichen Himmel. Ein Raunen ging durch die Reihen der Wartenden. Mit Videokameras und Fotoapparaten versuchte jeder für sich diesen Moment wegen dem sie all diese Strapazen auf sich genommen hatten festzuhalten.

Als die Sonne in voller Größe am östlichen Himmel aufgegangen war, erklang die japanische Nationalhymne auf dem Gipfel des höchsten Berges Japans. In diesem Moment verstand jeder den Sinn und die Bedeutung der japanischen Flagge. Die aufgegangene glutrote Sonne am Morgenhimmel … Nachdem die Nationalhymne verklungen war hörte man von weiter rechts von einem der acht Gipfel des Fuji eine laute Stimme die alle aufforderte, beim Banzai („1000 Jahre“, am ehesten mit dem bei uns nicht mehr so üblichen „Er lebe hoch!“ vergleichbar) mitzumachen. Dann reckten sich unzählige Arme nach oben und weit ins Land hinein erklang das dreimalige „Banzai!“

Obwohl schon die ersten Strahlen der Sonne die Kühle der Nacht rasch vertrieben hatten, lief mir wie vielen anderen Anwesenden ein Schauer über den Rücken …

Nun, alle hatte gesehen weswegen sie gekommen waren und den beschwerlichen Aufstieg auf sich genommen hatten. Jetzt strömten alle dem breiten hinunter zum Fuß des Berges führenden Weg zu. In unzähligen engen Kehren ging es den Berghang im Zickzack-Kurs hinunter. Der Weg war zwar deutlich schneller zu schaffen als der Aufstieg, jedoch ging der Abstieg bei im Durchschnitt 16% Neigung sehr schnell an die Kraftreserven. Vor allem die bei fast allen immer stärker werdenden Schmerzen in den Knien ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der Mensch für einen mehrstündigen Abstieg unter diesen Bedingungen nicht geschaffen ist. Auch wenn der Aufstieg sehr beschwerlich war, so stimmen die meisten aber doch darin überein, dass der Aufstieg – obwohl deutlich länger – der leichtere Teil des Wegs war.

Trotz alledem … Der Fuji war die Anstrengungen wert. Ich bin schon gespannt auf die anderen Routen. Beim nächsten Mal – das habe ich mir fest vorgenommen – werde ich mir auch den Krater etwas genauer ansehen.

geschrieben von: ralphp am: 25.09.2011
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Kommentare

genau lesen – Zeit lassen (2 Tage) und gutes Bergsteigerglück gehört dazu. Warme Sachen, Taschenlampe, Trinkwasser
mitnehmen. Und Riegel zu Essen Schuhwerk

Habt Ihr einen Fremdenführer???

Nun, wer sich genug Zeit nimmt und den Fuji nicht an einem bestimmten Tag besteigen muss, der wählt einen Zeitpunkt für den die Wetterlage günstig ist. Die Taschenlampe sollte unbedingt durch eine Kopflampe ersetzt werden, damit die Hände frei sind. Richtig ist, dass es sinnvoll ist, ausreichend zu Trinken mitzunehmen, denn die Preise an den auf allen Stationen und selbst auf dem Gipfel vorhandenen Automaten steigen mit zunehmender Höhe rasant an. Ebenso ist ausreichend Marschverpflegung dringend zu empfehlen, denn die Besteigung des Fuji ist kräftezehrend.

Einen Bergführer braucht man m.E. nicht unbedingt, da alle sowieso in die gleiche Richtung wollen. Ich habe den Fuji bisher jedenfalls stets ohne Fremdenführer bestiegen und bei meinen letzten beiden Besteigungen sogar den Führer für japanische Freunde gespielt … Verlaufen kann man sich nicht wirklich. Gefährlicher ist da schon eher, dass erste Anzeichen für die Höhenkrankheit übersehen werden. Überschätzen sollte man sich nicht und auf keinen Fall sein Glück herausfordern. Wenn die Besteigung zu beschwerlich wird, sollte man besser abbrechen und umkehren bevor es zu spät ist.

Hi Marco,
bin grade am Informationen sammeln. Meinst Du, dass für den Abstieg Trekkingstöcke ratsam sind? Ich versuche bein Gepäck etwas zurückhaltend zu sein, aber notfalls würde ich die vor dem Abflug noch an meinen Rucksack dranbinden.
Viele Grüße
Heinz Rolf

Ich persönlich benutze keine Trekkingstöcke. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass ich bei meinem ersten Abstieg vom Fuji erhebliche Knieprobleme hatte, denn der stundenlange recht steile Abstieg geht natürlich stark auf die Knie. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er sich bewegt und was er für sich selbst als vorteilhaft erachtet oder nicht. Ich bevorzuge freie Hände, was bei Nutzung von Trekkingstöcken naturgemäß nicht der Fall wäre. Ich denke, dass Trekkingstöcke gewisse Vorteile bieten, aber auch einige Nachteile haben. Das Gewicht dürfte dabei allerdings die kleinste Rolle spielen.

Vielen Dank für die Blumen.
Ich schreibe gern, so wie ich auch spreche und natürlich geht es mir darum, das was mir wichtig ist, auch weiterzugeben. Dabei orientiere ich mich allerdings kaum an irgendwelchen Vorlagen und das ist dann vielleicht auch der Grund, warum ich ein wenig anders schreibe, als andere.
Ich würde den Fuji auch gern wieder einmal besteigen, aber nachdem ich vor zwei Jahren erkrankt bin, erscheint es mir immer noch aussichtslos – trotz deutlicher Besserung – den Aufstieg in Angriff zu nehmen. Aber ich hoffe sehr, den Aufstieg demnächst wieder einmal wagen zu können.

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