Effektivität von Formen

„Bei einer Form in den asiatischen Kampfkünsten kann man nicht von Effektivität sprechen,“ sagte kürzlich ein Bekannter. Warum denn eigentlich nicht frage ich mich im Gegenzug? Wieso sollte eine Kata nicht effektiv sein? Warum sollte man nicht von Effektivität sprechen können?

Ob eine Technik effektiv ist oder nicht sieht ein geschultes Auge auf den ersten Blick ohne dass es hierzu einer praktischen Probe bedürfte. Sicher kann das geschulte Auge auch irren, allerdings müsste derjenige der die Form vorführt ein unglaublich guter Schauspieler sein.

Effektivität ist aus meiner Sicht im Grunde immer relativ zu sehen.

Relativ in Bezug auf das Alter des Ausführenden, seine ihm insgesamt zur stehende Kraft und seine Erfahrung. Hieraus ergibt sich welche Erwartungen man an die Technik des Ausführenden haben darf. Je mehr diese Erwartungen erfüllt werden, je perfekter die Technik, desto effektiver ist die Technik zwangsläufig. Eine schlechte Technik kann niemals effektiv sein. Umgekehrt gibt es keine perfekte Technik, die richtig eingesetzt, nicht auch effektiv wäre.

Bezieht man in die Gesamtbetrachtung auch das Verhältnis zum Gegner in einem echten Kampf ein wird die Dimension des Begriffs „Effektivität“ lediglich etwas erweitert. Es geht nun nicht mehr nur um die pure Ausführung der Technik in vollendeter Perfektion sondern die Technik muss nun auch noch den Gegner in einem möglichst perfekten Winkel, aus der optimalen Entfernung, genau im richtigen Moment an einer für den Gegner gefährlichen und bei Ausführung der Technik ungeschützten Stelle treffen. Damit die Technik effektiv sein kann, d.h. also im Ziel ihre zerstörerische Wirkung entfalten kann, muss die bei der Technik freigesetzte zudem auch noch groß genug sein, um nicht nur die der Technik vom Gegner entgegengesetzten Kräfte zu überwinden sondern muss diese deutlich übersteigen, da die Technik sonst wirkungslos und damit uneffektiv bleibt.

Solange Kata nur nach Schönheit der Bewegungen – also reinen Äußerlichkeiten – bewertet werden, kann die Form niemals effektiv sein. Es geht nun einmal nicht darum, schöne Bewegungen auszuführen sondern Techniken, die ihren Namen auch wirklich verdienen. Eine schöne Bewegung ist nicht unbedingt effektiv. Eine effektive Bewegung ist aber zugleich auch immer schön.

Solange Kampfrichter dies nicht zu unterscheiden wissen, werden sie Schönheit der Bewegungen über Effektivität stellen. Dies wiederum hat zur Folge dass sich Wettkämpfer darauf einstellen und bemüht sind schöne Bewegungen auszuführen, die jedoch eben zumeist nur schön aussehen, aber letztlich alle eingangs genannten Punkte vermissen lassen.

Nehmen wir beispielsweise eine Karate-Kata oder eine Form aus dem Taekwondo. Im Laufe der Zeit war zu bemerken, dass die sportliche – sprich athletische – Leistung höher bewertet wurde als die Technik. Je höher eine Fußtechnik ausgeführt wurde, desto höher die Bewertung.

Ganz ohne Frage: Ein hoher Tritt erfordert eine gute Balance und dies stellt deutlich höhere Anforderungen als eine Fußtechnik zum Körper oder gegen die Beine.

Aber andererseits: Wo ist das Ziel? Kämpfen alle nur noch gegen Riesen, dass Fußtechniken über den Kopf des Gegners hinaus ausgeführt werden müssen?

Jede Technik hat ein Ziel und das Ziel muss auch bei der Ausführung einer Kata klar erkennbar sein. Es gibt keine mir bekannte Form, die – richtig praktiziert – Fußtechniken oberhalb des Kopfes erfordert. Mehr noch: Im Karate beispielsweise gibt es in den Kata nahezu ausschließlich Fußtechniken zum Körper bzw. zu den Beinen, jedoch keine zum Kopf. Dies aus der einfachen Erkenntnis heraus, dass Fußtechniken zum Kopf mehr Zeit erfordern und im Ernstfall für den Ausführenden ein erhöhtes Risiko bedeuten. Im Ernstfall wenn es um Leben oder Tod, zumindest aber um die eigene Gesundheit geht, sollte jedes zusätzliche Risiko vermieden werden. Damit verbieten sich Fußtechniken zum Kopf von selbst.

Erlaubt sein muss in diesem Zusammenhang eine weitere Frage: Welchem Ziel soll das Üben objektiv falscher Techniken – nämlich dem Ausführen von zu hohen Fußtechniken, die ihr Ziel verfehlen – dienen?

Dies dient in meinen Augen einzig dem eigenen Ego. Um die mit Blindheit für die richtige Technik beschlagenen Kampfrichter durch atlethische Top-Leistungen für sich einzunehmen, die Freunde und Gegner im Wettkampf zu beeindrucken und sich selbst vor allen anderen zu beweisen. Mehr nicht.

In Wahrheit beweist ein solches Verhalten jedoch nur eines: Die eigene Unsicherheit.

Der Athlet hat kein wirkliches Vertrauen in seine Technik, da er sich weniger darum bemüht seine Technik zu perfektionieren und damit effektiver werden zu lassen, sondern sich stattdessen darum sorgt, wie andere seine Technik sehen. Das äußere Erscheinungsbild einer Technik kann jedoch nur Leute beeindrucken, die oberflächlich denken oder kein tieferes Verständnis für die Technik besitzen.

Ohne wahre Tiefe bleibt jede Technik oberflächlich. Mit einer oberflächlichen Technik kann der Atleth niemals die wahren Möglichkeiten der Technik ausschöpfen. Hierzu muss er in die Tiefe gehen, denn nur so kann er die Technik ergründen. Ohne ernsthaftes Üben und ständiges sich Mühen um Erkenntnis wird echtes Verständnis und damit Fortschritt unmöglich.

Wer glaubt nur weil er eine Technik ausführen kann bereits den Sinn der Technik verstanden zu haben wird niemals tiefer gehen, weil es aus seiner Sicht keinen weiteren Fortschritt gibt. Sich die Feinheiten einer Technik zu erschließen und damit zugleich auch für sich die Frage zu beantworten, warum eine Technik nur auf eine bestimmte Art und Weise effektiv ausgeführt werden kann, ist ohne unablässige Suche unmöglich.

Die Fortschritte sind klein und unmerklich doch plötzlich wird man eines Tages verstehen.

Die Technik des Anfängers ist oberflächlich, weil der Anfänger noch kein eigenes Verständnis für die Technik entwickelt hat. Er ahmt nur nach.

Ebenso oberflächlich ist aber auch die Technik vieler Fortgeschrittener die von sich und ihrem Können überzeugt sind und deshalb die Suche aufgegeben haben. Sie können sich nicht mehr verbessern, weil auch sie nur an der Oberfläche kratzen und meinen im Vergleich zu anderen gut genug zu sein.

Kommt die Technik aus dem Inneren, aus wahren Verständnis für die Technik, dann braucht man sich keine Gedanken über die richtige Ausführung der Technik mehr zu machen. Sie ist einfach richtig ohne dass es hierzu besonderer Anstrengungen bedürfte. Ein geschultes Auge erkennt ob die Technik äußerlich geblieben ist oder aus dem Inneren, aus tiefem Verständnis für die Technik heraus ausgeführt wurde.

Aus tiefem Verständnis ausgeführte Techniken sind immer perfekt. Sie sind perfekt weil der Ausführende verstanden hat, dass es keine andere Art der Ausführung gibt als diese eine, perfekte und richtige. Eine solche Technik ist immer zugleich auch effektiv.

Eine oberflächliche Technik kann auch effektiv sein, allerdings ist dies eher Zufall denn Ergebnis bewussten Wollens und Handelns. Zufall allein deshalb, weil der Ausführende die Technik noch nicht richtig beherrscht und deshalb mehr oder weniger unbewusst die Technik jedesmal verändert, denn er hat die perfekte Ausführung der Technik weder für sich entdeckt noch verinnerlicht.

Eine Form ist dann effektiv, wenn die in ihr enthaltenen Techniken effektiv sind. Wer eine Technik wirklich verstanden hat, führt effektive Techniken aus. Effektiv nicht nur in Hinblick auf die optimale und damit zugleich perfekte Technik selbst, sondern er weiß seine Technik auch bewusst in Abhängigkeit vom Gegner und der jeweiligen Situation einzusetzen ohne dass die optimale Ausführung der Technik selbst in irgendeiner Form eingeschränkt werden würde.

Formen dienen dazu die Technik zu üben. Durch die vorgegebenen Bewegungen werden verschiedene Standard-Situationen beschrieben, die es zu üben und zu perfektionieren gilt. Es kommt dabei nicht nur auf die einzelne Technik sondern auf alle Techniken in ihrer Gesamtheit an.

Wie sind die Techniken miteinander verbunden? Werden langsame und schnelle Passagen korrekt ausgeführt? Wird der Rhythmus beachtet? Wird die vorgegebene Richtung der Techniken exakt eingehalten? Werden unnötige Pausen vermieden? Ist die Atmung auf die Bewegung angepasst? Wird nur bei der Ausführung einer Technik ausgeatmet? Gibt es wirklich keinerlei überflüssige oder zusätzliche Ausatmungen?

Wenn all diese Fragen mit „Ja“ beantwortet werden können, dann ist zumindest vom äußeren her gesehen alles in Ordnung und der Übende ist auf einem guten Weg.

Ist die Technik darüber hinaus perfekt, ist die Form insgesamt effektiv. Effektiv nicht nur deshalb, weil die Techniken im Ernstfall wirklichen Schaden anrichten würden sondern weil die Form dem Ausführenden nun ein gutes Werkzeug war und ist, seine Techniken zu vervollkommnen. Sie ist somit ein gutes effektives (= wirkungsvolles) Mittel zum Zweck, nämlich eines der besten Hilfsmittel auf dem Weg zur perfekten Technik.

Das Wichtigste auf diesem Weg ist aber sich zu allererst von dem Wunsch zu lösen anderen zu gefallen. Die Schönheit liegt in der Effektivität der Technik begründet. Diese Effektivität verleiht der Technik eine Ausdruckskraft und innere Stärke, die selbst auf Fotos noch deutlich zum Ausdruck kommt. Hierzu bedarf es keiner weiteren Erklärung. War die Technik perfekt, spürt auch der Laie die in der Technik liegende Kraft ohne dass es hierfür irgendeiner Erklärung bedürfte. Denn effektive Techniken besitzen eine innere Ausstrahlung, die eine gestellte Technik niemals erlangen kann.

Formen können effektiv sein und das in jeder Hinsicht.

geschrieben von: ralphp am: 24.06.2012
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