Frauen sind Männern unterlegen – Bedenken gegen Training

Woman boxerIrgendwann habe ich mich gefragt, ob man sich als Frau mit Kampftraining nicht eher etwas vormacht, wenn es um Effektivität geht?

Wenn eine Frau und ein Mann die gleichen Fähigkeiten und Kampfentschlossenheit besitzen, wird der Mann aber doch wahrscheinlich immer gewinnen, weil er kräftiger ist und dadurch nicht nur mehr Schlagkraft hat, sondern auch schneller ist? Wenn ich also intensiv Kampfsport trainiere, könnte ich einen Mann mit ähnlichen Fähigkeiten wahrscheinlich dennoch nie wirklich besiegen; zumindest habe ich dieses Gefühl.

Beim Verteidigen habe ich kampfunerprobten Männern vielleicht einen Vorteil, aber wenn man einem richtigen Schläger begegnet, der kampferfahren ist, dann werd ich da wahrscheinlich auch nicht viel machen können, oder? Welche Erfahrung habt ihr im Kampfsport gemacht? Decken sich eure Erfahrungen mit meinen Bedenken oder kann eine Frau einen technisch gleichstarken Mann besiegen?

Ich halte es persönlich für höchstnunwahrscheinlich, das zwei Menschen mit exakt den gleichen Fähigkeiten aufeinander treffen. Insofern sind die angestellten Überlegungen nicht wirklich zielführend. Wenn man zudem ständig Bedenken hat, dann kommt man sowieso nicht voran. Man trainiert schließlich um stärker zu werden (und dabei meine ich vorrangig mental und erst in zweiter Linie körperlich).

Durch das Training lernt man nicht nur sich zu verteidigen, sondern vor allem mit potentiell gefährlichen Situationen umzugehen.

Ich bitte mir nachzusehen, dass ich jetzt von „Kampfsportlern“ spreche, wenngleich ein erfahrener Kampfsportler nicht unbedingt auch ein erfolgreicher (= effektiver) Kämpfer in Selbstverteidigungssituationen sein muss. Aber das ist ein anderes Thema.

Oberstes Ziel sollte immer sein, einen Kampf zu vermeiden. Erfahrene Selbstverteidigungslehrer und Polizisten bestätigen, dass die Mehrzahl der „normalen“ Menschen niemals in eine Situation kommen wird, dies es erforderlich macht, sich zu verteidigen. Allein dies zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, in einen Kampf verwickelt zu werden und noch dazu auf einen in etwa gleich starken Gegner zu treffen äußerst gering ist, wenngleich vielleicht ein klein wenig höher als ein 6er im Lotto.

Ein erfahrener Kampfsportler wird sich nicht unüberlegt in Kämpfe stürzen. Darüber hinaus fällt ein erfahrener Kampfsportler auch nicht unbedingt durch Aggressivität auf, denn bis sich eine gewisse Erfahrung eingestellt hat, haben all jene, die sowieso nur lernen wollen sich zu prügeln, längst aufgegeben.

Aber gut, nehmen wir einmal den sehr unwahrscheinlichen Fall der Fälle, dass eine Frau auf einen Mann mit gleicher Kampfsporterfahrung trifft.

Und nun?

Das Kampfgeschehen wird nicht durch rohe Kraft bestimmt, sondern durch überlegtes Handeln.

Die angesprochene Frage nach der Effektivität stellt sich aus meiner Sicht eigentlich nicht, denn Effektivität ist das Ergebnis klugen Handelns. In einer Auseinandersetzung sollte man jedenfalls nicht die Dummheit begehen, die eigene Schwäche gegen die Stärke des Gegners einzusetzen. „Ringkämpfe“ mit kampferfahrenen Gegnern verbieten sich insoweit von selbst. Man muss immer die eignen Stärken gegen die Schwächen des Gegners ausspielen.

Wer angreift, muss sich öffnen, eine Öffnung aber bietet die richtige Gelegenheit für einen Gegenangriff. Entscheidend für den Erfolg einer Technik sind Reaktion, Timing, Distanz und Kontrolle. Es gibt immer jemanden der schneller ist oder der besser reagiert.

Gelingt es den Gegenangriff ins Ziel zu bringen noch bevor der Angriff angekommen ist, ist der Kampf bereits vorbei. Die Frage nach der körperlichen Überlegenheit stellt sich damit gar nicht mehr.

Lässt man den Angriff durch geschicktes Ausweichen ins Leere laufen und führt einen geschickten Konter aus, ist die Kraft ebenfalls unbeachtlich, denn diese schützt nicht davor, ausgekontert zu werden.

Wird der Angriff erfolgreich abgewehrt und die sich bietende Lücke für den eigenen Gegenangriff genutzt, ist der Kampf ebenfalls vorbei.

Die Grundüberlegung nach der Gleichung „mehr Kraft“ = „überlegen“ ist im Grunde eine Ungleichung. Denn Kraft hat in Bezug auf die Effektivität nicht den höchsten Stellenwert. Natürlich wird ein Frau mit 40 Kilogramm einen 120 Kilogramm schweren, muskelbepackten Mann nicht so ohne weiteres außer Gefecht setzen können. Aber für gewöhnlich dürfte sie deutlich schneller sein als der Mann und durch Schnelligkeit, also die Fähigkeit die Technik zu beschleunigen, kann sie ihre Schlagkraft um ein Vielfaches steigern.

Auch Bruce Lee war kein Schwergewicht, hat aber mehr als doppelt so schwere Gegner mit Leichtigkeit besiegt. Er war zweifellos eine Ausnahmeerscheinung. Doch auch die Annahme, dass der über mehr Muskelkraft verfügende Mann automatisch der gleich kampferfahrenen Frau überlegen sei, dürfte eine äußerst seltene Ausnahme von der Regel sein.

Mache Dir also keine Gedanken. Trainiere fleißig und Du wirst erkennen, dass Dir der Kampfsport abseits der völlig nebensächlichen Bedenken unglaublich viel zu bieten hat und Dein Leben auf sehr positive Weise beeinflussen und verändern wird.

geschrieben von: marco am: 19.03.2014
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Kommentare

…könnte nicht besser beschrieben werden. Sehr guter Text mit Tiefgang…

Der Text oben hat die Sachlage wirklich sehr gut und rhetorisch klasse definiert. Und natürlich kann man als Frau Kampfsport trainieren, auch mit dem Anspruch sich effektiv in Gefahrensituationen verteidigen zu können. Ich will jetzt nicht mit irgendwelchen Definitionen über Stile der Kampfkunst, des Kampfsports daher kommen. Trainieren Sie das was Ihnen gut liegt! Trainieren Sie es richtig, mit allen Facetten des Stiles, aber trainieren Sie es so das Sie es auch benutzen können! Will sagen, nicht „nur“ für irgendwelche Meisterschaften mit Regeln nach sportspezifischen Turnierregeln, die Aspekte echter Selbstverteidigung insgesamt außer Acht lassen. Trainieren Sie Ihren Stil unter dem Aspekt der Selbstverteidigung, gibt das Training Ihres Vereines/Ihrer Schule das alleine nicht her, dann besuchen Sie Lehrgänge die sich ausschließlich mit Selbstverteidigung befassen und vertiefen das mit Ihrem Stil/Ihren Stilen, falls Sie mehr als einen Stil betreiben sollten.
Wie oben schon erwähnt, auch Bruce Lee war weder der größte oder der schwerste Mann. Er hat trainiert was er gut konnte und sich zusätzlich mit Krafttraining und Laufen in Höchstform gebracht. Das gilt so auch für jeden Mann und jede Frau die Kampfsport/Kampfkunst mit dem Anspruch trainieren sich so gut wie möglich verteidigen zu können. Der Kampfsport, Technik, Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und eine gewisse Abhärtung des Körpers, denn eines ist klar, bei einer echten Auseinandersetzung muß man davon ausgehen das man etwas „ab bekommt“!!!! Und man sollte sich bewußt sein was man wirklich kann. Wie groß bin ich? Wie stark im Vergleich zu anderen? Wie gut bin ich in meinem Stil? Was verstehe ich von Gewalt, von Auseinandersetzungen mit Gewalttätern?
Und ich muß sagen, ich staune das es noch Frauen gibt, die sich Gedanken machen ob es nicht besser ist gar nicht zu trainieren, weil es ja sinnlos ist. „Männer sind ja doch stärker“. So nach dem Motto: „Da bleibe ich doch gleich Opfer“. Das erinnert mich sehr an die Jahre in denen ich angefangen habe zu trainieren, die späten 70er Jahre. Männer kamen Frauen damals, und auch in späteren Jahren noch, gerne mit folgender Frage (meist in hämischem Unterton!): „Was soll denn das mit dem Kampfsport. Was willst Du denn machen wenn mehrere Männer kommen? Oder wenn ein so ein riesiger Kerl kommt, der Dich vergewaltigen will? Glaubst Du etwa, da könntest Du gewinnen?“

Ich habe Frauen in solchen Fällen generell zu einer Antwort mit Gegenfrage geraten:
„Ich weiß nie ob ich eine Auseinandersetzung gewinnen kann. Ich kann nur trainieren und mich im Kampf so gut bewähren wie ich kann um für meinen Angreifer eine möglichst schwer verdauliches Opfer zu sein, ihn oder mehrere Angreifer durch meine Gegenwehr von ihrem Vorhaben abzubringen. Ich muß auch nicht unbedingt gewinnen, ich muß zusehen das ich den Kampf möglichst nicht verliere! Aber, bei Dir als Mann, wie ist denn das mit Dir? Du willst mir als Frau indirekt einreden nicht zu trainieren und mich von vornherein als Opfer zu ergeben. Weil ich eine Frau bin soll ich also keine Gegenwehr leisten????
Was tätest Du als Mann denn an meiner Stelle? Da kommt also der 2 Meter-Mann, zu Dir als Mann. Glaubst Du denn Du kannst ihn besiegen weil Du ein Mann bist? Stell Dir vor, der Riese will Dich vergewaltigen. Oder die Typen, mehrere! Die wollen Dir was antun, vielleicht sexueller Art. Gegen eine Übermacht kommst Du doch auch nicht an, oder? Wenn es doch keinen Zweck hat zu kämpfen, dann kannst Du Dich doch auch widerstandslos zusammenschlagen oder vergewaltigen lassen, meinst Du nicht?“

Die Folge von den „Experten“ war dann meist ein empörtes Aufbegehren. Man wolle „lieber im Kampf sterben als sich vergewaltigen zu lassen!!“ Aha!
Blödsinn von irgendwelchen „Stammtisch-Helden“ habe ich mir als Mann auch reichlich anhören müssen. Was ich denn tuen würde, wenn „dieser oder jener“ käme und mir „dies oder das“ tun wolle. Ob mein „Hick-Hack“ denn dann funktionieren würde? Mit bedeutsamen Blick auf den „Bierbauch“ (in vielen Fällen) meines rhetorischen Gegners antwortete ich auch hier mit mehr oder weniger denselben Gegenfragen, die ich den trainierenden Frauen angeraten hatte.
Und egal ob Mann oder Frau: Man sollte versuchen den Kampf zu vermeiden !
Wenn reden nicht funktioniert, „Abhauen“ ist immer eine lohnenswerte Option!
„Ehre“ macht nicht satt und repariert nicht meine kaputten Knochen! Man verwechsele sich selbst niemals mit dem Helden irgendeines Actionfilmes!!!!
Wenn nichts mehr geht, klar, dann kämpft man so hart und unerbittlich wie man nur kann.
Das Credo muß dann sein:
„Ich muß für einen Angreifer/mehrere Angreifer so ungenießbar sein wie nur möglich!

Kurzum:
Trainieren Sie so gut Sie nur können, lernen Sie was funktioniert und effektiv ist, ungeachtet dessen welchen Stil Sie trainieren und ungeachtet dessen ob Sie „nur“ eine Frau sind.
Vergebung, dass sollte ausdrücklich nicht Frauenverachtend sein!
Ich ärgere mich nur immer noch über solche Polemik, mit der Leute vom Training abgehalten werden sollen, weil sie nicht sehr groß sind, weil sie vielleicht besonders stark sind, oder eben weil Sie Frauen sind.
Trainieren Sie und stehen Sie Ihre Frau wenn es drauf ankommt!
Wer Ihnen etwas anderes erzählen will, dem sollten Sie weiter keine Beachtung schenken.
Auch eine Maus, die die Katze fressen will, wird um ihr Leben kämpfen!
Und ob Selbstverteidigung oder nicht, Kampfsport ist eine großartige Sache und darf auch einfach nur Spaß machen, jedem Mann, jeder Frau, jedem Kind!

Zu dem Kommentar von Frank Brauckmann würde ich gern folgendes ergänzen:

Wer kämpft, kann verlieren,
wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Oder wie Hermann Hesse sehr treffend feststellte:

Damit das Unmögliche entsteht,
muss immer erst das Unmögliche versucht werden.

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