Grundschultechnik und Kumitetechnik – Welche Unterschiede gibt es?

Karate fightGibt es eine Grundschultechnik und eine besondere Kumitetechnik? Was ist der Unterschied zwischen einer Grundschultechnik und einer Kumitetechnik und wie kann man diesen Unterschied herausarbeiten?

Wenn man den Lehren einiger den großen Meister Glauben schenken will, muss es eine spezielle Kumitetechnik geben, also eine für den Wettkampf optimierte Technik, die sich deutlich von der Grundschultechnik unterscheidet. Deshalb müssen natürlich im Wettkampfbereich alle für die Grundschule geltenden Regeln vergessen und seine spezielle Kumitegrundschule einstudiert werden.

Das Eigenartige dabei ist aber, dass diese Meinung offenbar nicht von allen geteilt wird. Aber die Sinnhaftigkeit einer speziellen von der Grundschule abweichenden Kumitetechnik lässt sich ganz einfach überprüfen indem wir einmal der Frage nachgehen, warum sich im Laufe der Jahrhunderte bestimmte Bewegungsmuster für die Karatetechniken herausgebildet haben.

Früher waren die Kämpfe ein ernste Sache, ging es doch in jedem Kampf immer um Leben oder Tod. Die bis in unsere Zeit überlieferten Techniken sind diejenigen Techniken die sich in echten Auseinandersetzungen als wirksam und effektiv erwiesen und damit demjenigen, der diese Techniken beherrschte auch das Überleben sicherte. Waren die Meister, welche unsere heutigen Kampftechniken weitestgehend geprägt und entwickelt haben nicht so klug zu sehen, dass es bessere und effektivere Kampfweisen gibt, wie manche Meister zu wissen glauben?

Oder gab es bestimmte Gründe dafür dass die Grundschultechniken und auch die Kampftechniken auf die bis in unsere Tage überlieferte Art und Weise ausgeführt werden und im Kampf keine von der Grundschule abweichenden Kampftechniken entwickelt wurden?

Ich persönlich tendiere eher zu letzterer Ansicht. Es wäre doch schon sehr verwunderlich, wenn Kampftechniken, die sich in echten Kämpfen als wirksam erweisen mussten nicht schon weit früher geändert und den Bedürfnissen angepasst worden wären.

Aber sei es drum. Untersuchen wir einfach einmal die Vorteile einer modernen Wettkampftechnik. Eine wichtige Forderung ist, dass man beispielsweise beim Fauststoß weit in den Gegner hineintauchen muss. Hierzu ist es angeblich unerlässlich die hintere Ferse anzuheben, um so die Reichweite deutlich zu vergrößern.

Richtig ist, dass man mit angehobener Ferse eine größere Reichweite erreichen kann, weil damit unter Umständen einfacher eine tiefe Stellung eingenommen werden kann. Das ist aber auch schon alles. Einer solchen Technik mangelt es im Ergebnis zwangsläufig an Effektivität im Sinne von Kraft. Das hintere Bein nämlich muss die Kraft des Fauststoßes nicht nur erzeugen, sondern insbesondere auch die Kraft des Treffers aufnehmen und in der Lage sein, die Kraft auf das Ziel zu reflektieren. Gemäß dem Gesetz der Physik von Actio et reactio (Kraft = Gegenkraft) sollte man immer bedenken, dass die eigene Technik nur dann Wirkung entfalten kann, wenn die Kraft auch wirklich auf das Ziel überragen wird und nicht von diesem auf einen selbst zurückgeworfen wird. Ohne ausreichende Unterstützung durch das hintere Bein ist einfach keine kraftvolle Technik möglich. Dies lässt sich auch am Makiwara ganz leicht und schnell überprüfen.

Mehr noch: um einen starken Fauststoß aus der Vorwärtsbewegung heraus ausführen zu können braucht man gerade die ganze Kraft des hinteren Beines (Fußes) welches die Vorwärtsbewegung durch das richtige Abdrücken unterstützt. Eine sehr gutes Hilfsmittel zur Überprüfung der Wirksamkeit der eigenen Technik ist in diesem Zusammenhang ein Theraband oder auch ein Deuserband bzw. Gummiseil, welche alle in unterschiedlichen Stärken erhältlich sind. Werden diese um die Hüfte gelegt, straff gezogen und versucht man dann einen Fauststoß versteht man sehr schnell die Bedeutung des hinteren Beines. Ein tiefes Eintauchen mit hochgestellter Ferse und eine zugleich kraftvolle Technik sind damit nämlich unmöglich.

In Bezug auf den Fauststoß wird beispielsweise auch propagiert, dass es wichtig sei, die Faust nach dem Fauststoß wieder schnell zurückzuziehen.

Das ist im Grunde auch nicht falsch, nur leider wird dabei häufig vergessen, dass die Technik zunächst einmal auch Kraft entfalten muss. Wenn sich aber Kämpfer und Trainer wie häufig zu sehen einzig auf das schnelle Zurückziehen der Faust nach der Technik konzentrieren kann die Technik keine Kraft entfalten und ist insofern ebenfalls wirkungslos zumindest aber deutlich weniger effektiv.

Diesbezüglich gab es bereits eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen u.a. an der renommierten Long Island Universität in New York. Bei Teruyuki Okazaki, der sich als Testperson zur Verfügung stellte, wurde bei korrekter Ausführung der Technik eine Schlagkraft von jeweils mehr als 1000 Kilogramm je Quadratzentimeter gemessen. Bereits geringfügige Veränderungen der optimalen Grundform führten zu einem Verlust der Schlagkraft um 50 Prozent und mehr.

Es liegt auf der Hand, dass die Gesetze der Biomechanik und der Physik auch durch noch so klug erscheinende Reden und Ansichten nicht außer Kraft gesetzt werden können. Nur wenn sich alle Gelenke in einer für die Technik optimalen Position befinden können die Muskeln die Technik ausreichend unterstützen und damit die höchstmögliche Kraft entfalten.

Nur eine mit höchstmöglicher Kraftentfaltung ausgeführte Technik ist letztlich auch eine wirkungsvolle Technik. Es sollte nie vergessen werden, dass eine Schlagkraft von 10x 10 Kilogramm je Quadratzentimeter zwar addiert 100 Kilogramm je Quadratzentimeter ergeben, jedoch eine Schlagkraft von 1x 100 Kilogramm je Quadratzentimeter eine ganz andere Wirkung hat als jene 10x 10 Kilogramm. Dies lässt sich auch einfach selbst überprüfen. Man kann sich hierzu ein Stuhlbein auf den Fuß stellen und einen gefüllten Wassereimer auf den Stuhl stellen. Als Gegenprobe dann lässt man einen Erwachsenen auf dem Stuhl Platz nehmen. Der Schmerz, sprich die Wirkung ist in letzterem Falle nicht nur viel größer, nein mehr noch: je nach Gewicht der auf dem Stuhl Platz nehmenden Person kann es sogar zu mehr oder weniger ernsten Verletzungen kommen, die im ersteren Fall nicht auftreten werden – ganz gleich wie oft der gefüllte Wassereimer auch auf dem Stuhl abgestellt werden mag.

Doch all dies wird entweder verdrängt oder aber man vertraut auf die Mittelmäßigkeit der Kampfrichter die effektive Techniken nicht von an sich wirkungslosen Techniken zu unterscheiden vermögen und sich von lauten Kampfschreien beeindrucken lassen.

Es scheint also vielmehr so zu sein, dass die modernen Kumitetechniken nichts mehr mit effektiven im Sinne von kraftvollen Techniken gemein haben, sondern dass es wohl einzig und allein darum geht, Punkte zu sammeln.

Die sogenannten Kumitetechniken sind insofern weder als echte Karatetechniken zu klassifizieren noch als wirkungsvolle und effektive Techniken einzustufen. Es ist traurig, dass die Technik unter Punkten leiden muss. Dies ist aber weniger dem Wettkämpfer als vielmehr den Schiedsrichtern anzulasten. Je besser der Schiedsrichter, desto besser der Wettkampf. Erfahrene Schiedsrichter können gute Techniken nicht nur sicher von ineffektiven Scheintechniken unterscheiden sondern sie werden auch darüber hinaus nur echte Techniken werten. Wenn also bei Wettkämpfen mehr erfahrene hochgraduierte Schiedsrichter eingesetzt würden, ergäbe sich bald ein anderes Bild.

Doch auch Wettkämpfer und Trainer können ihren Teil dazu beitragen, indem sie sich wieder auf die Wurzel der Technik, nämlich die Grundschule, zurückbesinnen und aufhören sogenannte Kumitetechniken einzustudieren, die über den Wettkampf hinaus praktisch keinerlei Bedeutung haben und zudem ihre Unterlegenheit in einem echten Kampf sehr schnell unter Beweis stellen würden.

In einem echten Kampf gibt es keine Punkte sondern nur eine den Kampf letztlich entscheidende Frage, nämlich die nach der Effektivität der Technik. So wie niemand diesen entscheidenden Unterschied jemals ernsthaft in Frage stellen würde, sollten davon ausgehend auch entsprechende Konsequenzen gezogen und die Techniken nur noch so ausgeführt werden, dass jede ausgeführte Technik als effektive Technik bezeichnet werden kann.

geschrieben von: sascha am: 11.09.2013
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Kommentare

Wenn man sich ansieht wie beim Pointfighting gekämpft wird,dürfte jedem klar sein,dass dort Techniken anders ausgeführt werden (müssen) als in den trad. KK.Beispiel : zieht man vor dem Kick das Standbein ran weiss der Gegner sofort,was man vorhat – ohne ansatzlose Techniken wird man da nix.Und hier soll auch keiner umgehauen werden sondern es ght um Punkte machen,also kontrolliert mit leichtem Kontakt treffen.Mit traditionellen Karate Grundtechniken wird man vielleicht nen Anfänger treffen können,mehr aber nicht.

Ich möchte nun keine Diskussion darüber aufmachen, ob es „DIE“ beste Kampfkunst gibt. Traditionelle Karate-Grundtechniken werden wie das Alphabet verwendet. Das Alphabet dient dazu Worte zu bilden, aus diesen wiederum können Sätze geformt werden, welche zu dann zu umfangreichen Texten werden können.

Tatsache ist, dass traditionelles Karate nicht mit Anfänger-Techniken gleichzusetzen ist. Meisterhaft ausgeführte Techniken sind nicht nur stark, sondern auch blitzschnell. Wenn man zudem berücksichtigt, dass traditionelles Karate als unbewaffnete Kampfkunst gegen bewaffnete Gegner entwickelt und erfolgreich eingesetzt wurde, so dürften sich außer Frage stehen, dass sich Karate – so wie viele andere Kampfkünste auch – über die Jahrhundert im harten Kampf um Leben und Tod bewährt hat.

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