Haben gute Lehrer immer gute Schüler?

Es gibt viele hochgraduierte Lehrer. Eine hohe Graduierung verdanken diese Lehrer in der Regel ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten. Nun mag man annehmen, dass solche hochgradigeren Lehrer in der Regel immer auch gute Schüler haben. Doch stimmt diese Annahme? Welche Einflüsse hat der Lehrer auf seine Schüler? Ich habe mich auf den Weg gemacht und die Dojos verschiedener Meister in Deutschland und Japan besucht.

Richtig ist zunächst einmal, dass ein außergewöhnlicher Lehrer, ein Lehrer mit besonderen Fähigkeiten seinen Schülern die besten Voraussetzungen bietet, diese Fähigkeiten ebenfalls zu erlernen. Von wem sonst sollten sie diese Fähigkeiten erlernen können, wenn nicht von jemandem, der diese beherrscht.

Doch dass jemand über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt bedeutet noch lange nicht, dass der betreffende automatisch auch ein Lehrer ist, und schon gleich gar nicht ein guter Lehrer. Das Können ist das Eine, die Fähigkeit zu unterrichten, das Andere. Beides muss vorhanden sein, um einen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auch zu einem guten Lehrer zu machen. Erst wenn beides zusammen kommt, besteht für den Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten die Möglichkeit, auch ein guter Lehrer zu werden. Denn eines sollte kein Lehrer je vergessen und dessen stets eingedeckt sein: Es ist nicht sein Können, seine Erfolge der Vergangenheit, sein Ruhm aus längst vergangenen Zeiten, was ihn zum Lehrer macht. Nein, es sind seine Schüler! Wer keine Schüler hat, kann auch kein Lehrer sein. Der Lehrer braucht seine Schüler. Die Schüler erst machen den Lehrer zum Lehrer. Deshalb sind die Schüler für den Lehrer zumindest ebenso wichtig wie der Lehrer für die Schüler.

Um auf die eingangs aufgeworfenen Fragen zurückzukommen, so ist festzustellen, dass auch richtig ist, dass Schüler mit besonderen Ambitionen, d.h. also Schüler, die nach dem Besonderen streben, die besondere Herausforderungen suchen, natürlich früher oder später zu hochgraduierten Lehrern kommen, die sich durch besondere Fähigkeiten auszeichnen. Sie wollen neue Ziele erreichen, neue Grenzen zu entdecken und zu neuen Horizonten aufbrechen. An einer bestimmten Stelle ist bei einem „gewöhnlichen“ Lehrer kein Fortschritt mehr möglich. Um weiter voranzuschreiten, müssen sich die Schüler neue Lehrer suchen. Kein Lehrer sollte dies persönlich nehmen. Schließlich hat er doch den Grundstein für den Erfolg des Schülers gelegt. Ist es nicht eine besondere Auszeichnung für den Lehrer, wenn es seinen Schülern vergönnt ist, besser zu werden als er es selbst jemals war?

Sagen wir es einfacher: Bei Menschen mit besonderen Fähigkeiten findet man häufiger als irgendwo anders Menschen, die diese Fähigkeiten gleichfalls erlangen wollen. Natürlich nimmt sich der Schüler den Lehrer zum Vorbild und strebt danach, sich das Können und die Fähigkeiten des Lehrers selbst anzueignen. Doch dies wird nicht jedem gelingen.

Doch all dies beantwortet noch längst nicht die Frage, ob ein guter Lehrer auch automatisch gute Schüler hat.

Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand. Sie lautet klar und deutlich: „Nein!“

Überrascht?

Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten sind selten. Deshalb sind ihre Fähigkeiten auch außergewöhnlich. Warum also sollten alle Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgerechnet an einem Ort zusammentreffen und sich alle den gleichen Lehrer suchen? Jeder sucht sich den Lehrer, der zu ihm passt.

Auch im Dojo eines sehr hoch angesehenen Lehrers werden sich also alle Arten von Schülern wiederfinden: begabte und weniger begabte. Natürlich auch mehr als anderswo Schüler, die nach dem Besonderen suchen. Dennoch bleibt auch das Dojo eines hoch graduierten Lehrers ein Spiegelbild der Gesellschaft, da sich auch bei ihm alle Arten von Schülern wiederfinden.

Eine Tatsache jedoch bleibt unbestritten: Schüler eines guten Lehrers haben eine deutlich höhere Chance, gut und besser zu werden als dies im Dojo eines durchschnittlichen Lehrers jemals möglich wäre, denn der gute Lehrer versteht es in seinen Schülern das Besondere zu entdecken und dessen individuellen Stärken weiter zu fördern und zu entwickeln.

Insofern wäre das zuvor geäußerte klare „Nein“ etwas zu relativieren, denn in Bezug auf die Fähigkeiten, die Veranlagung die der Schüler mitbringt, wird er bei einem guten Lehrer die besten Voraussetzungen finden. Dies wiederum führt im Ergebnis dazu, dass gemessen am Potential der Schüler der gute Lehrer immer gute Schüler hat.

Trotzdem: Jedes Bemühen des Lehrers wird vergeblich bleiben, wenn der Schüler nicht will. Jeder Schüler hat es selbst in der Hand gut oder besser zu werden oder im Mittelfeld zu bleiben. Der Lehrer bietet seine helfende Hand an, die der Schüler nur ergreifen muss.

Niemand braucht also Angst davor zu haben im Dojo eines hochgraduierten Meisters zu trainieren. Normalerweise trainieren bei ihm nicht ausschließlich die Champions sondern ganz normale Menschen, so wie du und ich, und einige mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die anderen Ansporn und Vorbild zugleich sind.

geschrieben von: ralphp am: 28.11.2012
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