Historische China-Erfahrungen

China ist für Deutschland heute einer der wichtigsten Märkte. Trotz aller Klagen über Hindernisse, die von Vertretern der deutschen Wirtschaft und vor allem der Politik immer wieder vorgebracht werden, halten die Unternehmen an ihrer China-Strategie fest. Nicht anders war das zur Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Dabei wurden Erkenntnisse gewonnen, die heute durchaus beachtenswert sind, aber allzu oft ignoriert werden.

Auf der Suche nach neuen Absatzquellen für seine wachsende Industrie ergab sich der preußische Kaiser Wilhelm II. zu jener Zeit dem Traum von China und seinen Millionen Einwohnern. Die Ausfuhr hierhin könne noch eine »ungeahnte Bedeutung« gewinnen. Andere imperialistische Staaten hatten sich ihr Stück am chinesischen Kuchen schon gesichert. Preußen sah es als sein »wohlberechtigtes Interesse« an, einen hiesigen Stützpunkt zu suchen und sich seinen »Platz an der Sonne« zu sichern. Zwar verfügte Deutschland bereits über Niederlassungen in Tientsin* und Hankou, doch »brannte ein zentraler Wunsch« nach einem Seehafen. Dieser würde nicht nur dem Ausbau des Handels zugute kommen, sondern als Beitrag zur Logistik der maritimen Machtentfaltung der deutschen Interessensphäre in China und Ostasien Ausdruck verleihen.

Die Standortfrage hatte bereits der Chinaforscher von Richthofen, seinerzeit Geograf der preußischen Handelsexpedition nach China zwischen 1868 und 1871, beantwortet, indem er auf den großen Wert von Kiautschou in der Provinz Schantung als Flottenstützpunkt hinwies. Am 14. Dezember 1897 telegrafierte der Kaiser an den deutschen Gesandten in Peking und Verhandlungsführer vor Ort, von Heyking, »es könne von keinem anderen Hafen als Kiautschou die Rede sein«.

Bereits am 9. November 1897 hatte der Kaiser die Besetzung der Kiautschou-Bucht verordnet. In den Tagebüchern der Gemahlin des deutschen Gesandten lautet es: »Möge Gott Gelingen geben zu dem Unternehmen. Wir haben es zum Wohle Deutschlands gewünscht!« Wilhelm II. stand an der Spitze der Bewegung, eine kolonialenthusiastische Öffentlichkeit hinter ihm, welche ebenfalls die permanente Okkupation von Kiautschou verlangte, wie ein Reutertelegramm an von Heyking aus dieser Zeit belegt. Von Heykings Frau hält am 5. Dezember 1897 fest, es sei die »Realisation eines Lebenstraumes, für Deutschland ein Stück China zu erwerben«, unabhängig davon, dass sie zwölf Monate zuvor noch bei einer ersten Erkundung der Örtlichkeiten geschrieben hatte, diese seien zwar recht malerisch, »doch sehr öde und verlassen«. Über allem stand, dass am selbigen Tag hier erstmals die deutsche Fahne gehisst wurde »und was wir von so ganzem Herzen wünschen, war so scheinbar wahr«.

Mitgereiste Marineherren waren zuversichtlich, dass sich aus der Kiautschou-Bucht viel machen ließe. Dieses Fleckchen China, welches flächenmäßig knapp halb so groß und von der Bevölkerung ähnlich bedeutend wie Preußen war, wurde für Kolonialzwecke als sehr dienlich erachtet. Als nördlichster Hafen Chinas war er im Winter eisfrei, die Bucht geschützt vor den an der Küste wehenden Taifunen, die Einfahrt bei Ebbe und Flut leicht und zu jeder Tag- und Nachtzeit ungefährlich. Die Wassertiefe, so alte Berichte, ermöglichte, dass selbst die größten Fahrzeuge der Welt anlegen könnten. 1905 heißt es: »Es dürfte an der ganzen chinesischen Küste keine geeignetere Stätte für einen Hafen geben.« Ein Dokument aus dem Jahr 1910 urteilt leicht abweichend, so heißt es »Glück hat schon, wer nicht ertrinkt, wenn die Schan Tung-Dschunke sinkt«.

Das große Hinterland der Provinz Schantung wurde vielfach gelobt. Kohlevorkommen, deren Qualität mit bester englischer Kohle verglichen wurde, waren in großem Reichtum vorhanden und weckten den Traum, dass Kriegs- und Handelsmarine nur noch »mit Schantung-Kohle brannten«. Weiterhin zählte diese Provinz zu den von der Natur am reichsten gesegneten Teilen des großen chinesischen Reiches. Die Böden seien durchweg fruchtbar und unter Kultur; bedeutende Aktivitäten in der Fischerei, der Salzproduktion, der Eisenverarbeitung und der Herstellung landwirtschaftlicher Geräte wurden festgestellt und führten dazu, dass Schantung historisch als Kernregion der chinesischen Staatsentstehung angesehen wurde und bereits im zehnten nachchristlichen Jahrhundert zu den am dichtesten besiedelten Gebieten in China zählte. Diese Provinz erschien demnach nicht nur »kaufkräftig zur Aufnahme der deutschen Einfuhr, sondern auch im Besitze von Erzeugnissen für die Ausfuhr« (1905).

Das Klima wurde als mild bezeichnet, sodass die Lebensbedingungen auch »für geborene Deutsche gegeben sind«. Die gebürtigen Chinesen wurden wiederum als »ordentliche, ehrliche Leute« gepriesen. Diese bildeten einen Unterschied zu anderen übervölkerten Teilen des Landes.

Die Tatsache, dass das eigentliche Kolonialgebiet und primär der Ort Tsingtau zur Zeit der Pachtung als unbedeutendes Fischerdorf galt, wurde seinerzeit als Herausforderung gesehen, sämtliche Infrastruktur neu zu entwickeln und so der deutschen Industrie das erhoffte Absatzpotenzial zu bieten. In der Tat sind bei der Etablierung der »Reichskolonie Deutsch-China« mehr als die Hälfte der Gelder für die Baukosten in Form von Lieferaufträgen in die Heimat zurückgeflossen. Hafen, Wasserversorgung, Kanalisation, Telefonleitungen, Signalstation, Administrations-, Obrigkeits- und Bildungseinrichtungen sowie die Einführung einer Straßenbeleuchtung – »ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis« (1905) – sind als Infrastrukturprojekte zu nennen, wobei der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Bemühungen auf dem Bau der Eisenbahn und dem Abbau der Kohlereserven lag, welche im Pachtvertrag von 1898 explizit Erwähnung finden.

Tsingtau entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelszentrum in Nordchina. Krupp-Direktor Georg Baur schrieb 1912 in seinen Aufzeichnungen, dessen »Bedeutung habe große Fortschritte« gemacht. Tsingtau sei schon so sehr in das große Kleid hineingewachsen, das man seinerzeit dafür zugeschnitten hatte, und das durch die örtlichen Verhältnisse bedingt gewesen war. Ähnlich klingt es im Tsingtau-Lied von 1912: »Wo einst am öden Strand sich nur die Fischerdschunken trafen, da fährt auf stolzer Dampfer Spur des Kaufherrn Gut zum Hafen«.

Die chinesischen Ausfuhren nach Deutschland verdoppelten sich in den zwei Jahrzehnten bis 1913 auf fast neun Prozent, doch war der deutsch-chinesische Handel innerhalb der deutschen Einflusssphäre ein Randphänomen. 95 Prozent des Handels fielen auf chinesische Händler und chinesische Produkte. Die deutschen Unternehmen waren von Subventionen der eigenen Regierung abhängig, viele wirtschafteten unrentabel.

Die Finanzspritzen wahrten die Fassade der »Musterkolonie« und dienten dazu, den Erfolg der Expansionspolitik zu beschönigen. Möglicherweise war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Profite eingestellt hätten, da eingeräumt werden muss, dass sich das Engagement noch in der Investitionsphase befand und ein stetiges Sinken der Investitionen und zunehmende Einnahmen verzeichnet wurden, als die Kolonie infolge des Ersten Weltkriegs an Japan fiel. Trotzdem beurteilt Krupp-Direktor Baur 1912, es sei kein Missgriff gewesen, 1907 die Kaiserliche Werft nicht übernommen zu haben: Beschäftigungslosigkeit prägte das Bild.

Der Sinologe Richard Wilhelm schreibt 1926 von chinesischem Widerstand, administrativer Blockadehaltung, vermehrtem Aktienkauf durch Chinesen zwecks Erwerbs von Mitbestimmungsrechten sowie einer zunehmenden Konkurrenz chinesischer Firmen. Eine Folge dessen war unter anderem, dass die gegründete Bergbau-Gesellschaft bis 1912 ein Verlustsaldo von 1,23 Millionen Mark akkumulierte. An dieser Unternehmung war Krupp mit 256.000 Mark beteiligt. Auch einige vertraglich fixierte Eisenbahnrechte konnten nicht durchgesetzt werden.

Der deutsche Gesandte in Peking, Rex, betont am 25. Juni 1909: »Die Stimmung der Bevölkerung von Schantung ist immer noch eine bald latente, bald offen hervortretende Feindseligkeit gegen die Deutschen. Es läge im Interesse unserer allgemeinen chinesischen Politik, diese gefährliche Reibungsfläche in Schantung möglichst zu entfernen. Das auf chinesischer Seite gegen Tsingtau bestehende Odium würde wesentlich schwinden, wenn die Chinesen am Ertrag der Bahn und am Aufblühen des Hafens mit interessiert wären.« Ähnlich urteilt Hans August Siebs, Teilhaber des Handelshauses Siemssen & Co., schon vor der Abtretung 1898: die Zeit kolonialer Eroberungen sei vorbei. Neben der feindlichen Haltung beschreibt Richard Wilhelm 1926 interkulturelle Hürden: »Die beiden Kulturen kamen in Berührung. Natürlich gab es bei dem großen Abstand (…) manche ergötzlichen Missverständnisse.«

Damals wie heute zeigt sich, dass positiv beurteilte Standortfaktoren den Erfolg in China nicht allein garantieren. Die Überwindung kultureller Hürden hat einen wesentlichen Anteil. Landesspezifische Kompetenz inklusive Respekt vor dem Gastland sind Grundlage für eine nachhaltige Marktbearbeitung, wie sie auch als Zielsetzung des deutschen Kaiserreiches ausdrücklich erwünscht war, doch im Grunde nicht erreicht wurde. Der Handel zwischen Tsingtau und Preußen war innerdeutsch – die »Millionen Einwohner Chinas« zu erreichen, blieb ein Wunschtraum: Anlass für heutige Marktakteure, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen. at

Dr. Dr. Andreas Tank
www.china-marketing.eu
www.chinamarketingblog.com

Dr. Dr. Andreas Tank ist Marketingdirektor eines deutschen Unternehmens in China und Autor der Management-Fachbücher „Zwischen Faszination und Furcht – Ausländische Marktakteure in China“ und „China-Marketing – Erfolgsfaktoren für die Marktbearbeitung“.

Quelle: openPR

geschrieben von: ralphp am: 21.10.2012
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Interessanter Artikel. Die Geschichte Chinas ist wirklich sehr spannend.

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Kategorien: Freizeit, Buntes
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