Kann ich verlorengegangene Flexibilität (Dehnbarkeit) wiedererlangen?

Ich war aus beruflichen Gründen einen Zeit lang weg und konnte dort kein Kampfsport betreiben. In meiner Abwesenheit war ich viel laufen gewesen und habe dabei das Dehnen vernachlässigt. Nun bin ich wieder zurück und merke im Kampfsport, dass meine Gelenkigkeit weit zurückgegangen ist. In der Zwischenzeit bin ich auch 40 Jahre und da wäre meine Frage, kann man die vorherige Gelenkigkeit durch häufige wiederholungen von Dehnübungen überhaupt wiedererlangen? Kann man da auch aus ernährungstechnischer Seite positiv beisteuern?

Verloren gegangene Flexibilität kann in einem gewissen Maße zurückgewonnen werden. Je nachdem wie lange die Trainingspause angedauert hat, ist es unter Umständen auch unmöglich, die alte Flexibilität wieder zu erlangen.

Durch Trainingspausen, aber auch durch die alltäglichen Lebensumstände werden Muskeln, Sehnen und Gelenke in ihrer Flexibilität beeinflusst. Der Mensch wird “steif” wie man so schön sagt. Muskeln und Sehnen verkürzen sich, wenn sie nicht entsprechend gefordert werden. Damit geht Flexibilität zwangsläufig verloren. Je länger der Zeitraum in dem die Muskeln und Sehnen nicht entsprechend gefordert wurden andauert, desto stärker ist im Ergebnis auch der Verlust der Flexibilität.

Natürlich kann die alte Flexibilität der Sehnen kann in einem gewissen Maße wieder zurückgewonnen werden, jedoch ist ein Verlust der Flexibilität nicht gänzlich umkehrbar, allenfalls in gewissen Rahmen kompensierbar.

Doch die Flexibilität wird durch viele Faktoren beeinflusst und bestimmt.

Die Dehnfähigkeit der Muskeln kann durch Dehnübungen wieder zurückgewonnen werden. Dies geht in der Regel sogar deutlich einfacher und schneller, als am Anfang, als man mit dem Kampfsport angefangen hat. Ich erinnere mich noch gut daran, dass es mir anfangs stets sehr schwer gefallen ist überhaupt bis auf Gürtelhöhe treten zu können. Jetzt stört mich auch ein Kick zum Kopf nicht mehr. Trotzdem kann ich keinen Spagat … Muskeln verlieren ihre Dehnfähigkeit nicht so rasch wie die Sehnen.

Durch einen stärkeren Bauchumfang beispielsweise wird natürlich auch die Dehnfähigkeit negativ beeinflusst. Die zusätzliche Körpermasse behindert die natürliche und grundsätzlich vorhandene Beweglichkeit. Insofern ist eine bewusste Ernährung sehr hilfreich, um die im Körper eingelagerten Fettpolster abzubauen. Dadurch können diese dann die Techniken nicht mehr behindern, da die Gelenke in ihrem Bewegungsradius nicht eingeschränkt werden.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt. Die passive Dehnfähigkeit hat im Ergebnis nämlich nur bedingt Einfluss auf die speziell im Kampfsport erforderliche Beweglichkeit. Je flexibler man ist, desto leichter ist es Techniken auszuführen, die eine gute Beweglichkeit erfordern. Um beispielsweise hoch zu treten, muss jemand der eine weniger gute Beweglichkeit mitbringt, zwangsläufig mehr Kraft aufwenden um hoch zu treten, als jemand der sehr beweglich ist. Eine gute Beweglichkeit erlaubt somit bei gleicher Grundkraft die Ausführung stärkerer Tritte, da mehr Kraft für den Tritt selbst zur Verfügung steht.

Aber das ist nicht alles. Bleiben wir am besten einfach beim Beispiel Fußtritt …

Im Kampfsport ist die aktive Beweglichkeit nämlich noch viel wichtiger. An allen richtig ausgeführten Techniken sind grundsätzlich alle Muskeln des Körpers gleichermaßen beteiligt. Während der eine Muskel angespannt wird und sich dabei verkürzt, wird gleichzeitig ein anderer Muskel, der sog. “Gegenspieler”, entspannt und dadurch gedehnt. Bei hohen Fußtechniken wird die Kraft für den Tritt selbst wesentlich durch den Hüftbeuger erzeugt. Dieser wird nämlich stark angespannt (kontrahiert). Gleichzeitig jedoch wird sein Gegenspieler, der Hüftstrecker, gedehnt. Ist die Dehnfähigkeit des Hüftstreckers unzureichend, sind im Ergebnis auch keine hohen Fußtechniken möglich.

Um die Flexibilität im Kampfsport zu steigern müssen daher grundsätzlich beide Muskelgruppen gleichermaßen trainiert werden. Der Hüftbeuger ist für Kraft des Tritts verantwortlich, während der Hüftstrecker die entsprechende Dehnfähigkeit aufweisen muss, um die Technik überhaupt erst zu ermöglichen. Sonst scheitert nämlich der hohe Tritt bereits an der mangelnden Flexibilität des Hüftstreckers.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass es um die alte Dehnfähigkeit wieder herzustellen nicht nur darauf ankommt, ggf. die Ernährung umzustellen, um etwaige Fettpölsterchen abzubauen, sondern dass neben passiven Dehnübungen auch Krafttraining (kann ggf. auch durch Techniktraining ersetzt werden) sowie gezielte Dehnübungen für die Gegenspieler erforderlich sind, um an die alte Beweglichkeit wieder heranzukommen.

geschrieben von: ralphp am: 9.02.2012
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