Karate Selbstverteidigung im Ernstfall

Ich beginne bald mein Karate Training und habe mir im Voraus schon mal einen „Ernstfall“ ausgemalt (ja, ich gehe immer vom schlimmsten aus ), bei dem ich mich verteidigen müsste. Wenn ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hätte einen Kampf zu umgehen oder zu fliehen und ich angegriffen werde, habe ich das Recht mich zu verteidigen (Notwehr), ich weiss auch, dass ich dabei nicht abwarten muss bis ich geschlagen werde, sondern den Angriff bereits im Ansatz unschädlich machen darf, allerdings stellen sich mir jetzt folgende Fragen:

1) Darf ich nur abwehren, ausweichen oder auch kontern um den Kampf zu beenden oder ist das eine Überschreitung der Notwehr?

2) Wie sieht es mit einem reflexartigem Konter (quasi im Affekt) aus, da mir ja beigebracht wird bestimmte Bewegungsabläufe zu automatisieren … Wäre das dann eine wissentliche / absichtliche Verletzung des Gesetztes ?

Ich hoffe zwar niemals in solch eine Situation zu kommen, aber wenn es tatsächlich dazu kommt , würde ich im Voraus gerne wissen was ich darf und was nicht.

Danke schon mal für die Antworten.

Wie du schon selbst geschrieben hast: Natürlich natürlich darfst einem Angriff ausweichen  und natürlich darfst du auch einen Angriff kontern und ebenso darfst du auch einem Angriff zuvorkommen. All das ist überhaupt kein Problem und hat auch noch überhaupt nichts mit einer Überschreitung der Notwehr zu tun.

Das Problem stellt sich in der Situation selbst, denn nach geltendem Recht ist als Notwehr diejenige Verteidigung straffrei die geeignet ist, einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff abzuwehren. Als geeignet wird jedoch regelmäßig nur die Abwehr angesehen, die im Rahmen bleibt. Man darf also nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen oder anders ausgedrückt jemandem den Kiefer und den Arm rechen, nur weil dieser einem zuvor Schläge angedroht hat. 

Man hat hier oft sehr rasch die Grenzen des Erlaubten überschritten. Das größte Problem dabei ist der Umstand, dass die Grenzen fließend sind. In der Situation selbst ist man höchstem Stress ausgesetzt und soll trotzdem kühles Denken bewahren und entsprechend handeln… Das ist extrem schwierig und beschäftigt immer wieder die Gerichte, womit wir auch direkt zu Deiner zweiten Fragen kommen. 

Hier ist die Sach- und Rechtslage schon etwas  verworren. Daher eine typische Juristen-Antwort auf diese Frage: es kommt darauf an … 

Je länger Du eine Kampfsportart trainiert hast, um so mehr erwarten Richter und Staatsanwälte, dass Du besonnen reagierst. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan. Deshalb kommt es auch immer wieder vor, dass ein und dieselbe Situation von unterschiedlichen Gerichten unterschiedlich bewertet werden. Von einem erfahrenen Kampfsportler erwartet man, dass dieser nicht den Kopf verliert. Letztlich ist der „Ernstfall“ ja auch bereits im Training unzählige Male erprobt worden. 

Ein Handeln im Affekt dürfte ohnehin ausscheiden, denn dies würde voraussetzen, dass Du mit der Situation absolut nicht klar gekommen bist und nur noch „Rot“ gesehen hast. Dies möchte ich bei einem ernsthaft Kampfsport übertreibenden Menschen ausschließen. Insofern dürfte der „Affekt“ für Dich sowieso nie zum Gegenstand des Verfahrens werden, jedenfalls dann nicht, wenn Du schon einige Trainingserfahrung vorzuweisen hast.

Und um Dir in diesem Zusammenhang eine andere Sorge zu nehmen: Bis eine Bewegung soweit automatisiert ist, dass sie quasi reflexartig abläuft, sind mindestens 70.000 korrekte Wiederholungen dieser einen Technik erforderlich. Bis dahin vergehen selbst bei größtem Trainingseifer viele Monate wenn nicht sogar Jahre, denn Du erlernst ja nicht nur diese eine Technik sondern eine Vielzahl verschiedener Techniken und Bewegungen, die alle gleichermaßen intensiv geübt und trainiert werden wollen.

geschrieben von: ralphp am: 26.07.2012
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Kommentare

Ich mache jetzt schon lange Taekwondo und habe den schwarzen Gurt und besitzte auch im Allkampf den braunen Gurt. Aber ins Training mit den Ziel zu gehen, jemanden im Notfall zu verlezten! Sorry! Das ist nicht der Sinn der Sache! Der Kämpfer weicht dem Kampf aus! Das ist Sinn der Selbstverteidigung einen Kampf immer zu vermeiden

Hi,
zunächst ma zun rechtlichen im besten Amtsdeutsch: ^^

Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden (vgl. § 227 Abs. 2 BGB, § 32 Abs. 2 Strafgesetzbuch, § 15 Abs. 2 OWiG).

Da sind so ein paar Kleinigkeiten versteckt. Das „erfoderlich“ kann man so auslegen, das man als Verteidiger nur das Minimum an Gewalt einsetzt um den Angriff abzuwehren. Insbesondere das der Angriff „gegenwärtig“ sein muss ist wichtig, d.h. eine spätere Rache am Angreifer ist keine Notwehr.

Was man im Rahmen der Notwehr darf oder nicht ist die eine Sache. Die Darstellung vor Gericht sollte es denn soweit kommen ist eine Andere. Recht haben und Recht bekommen sind zwei paar Schuhe. ^^

Natürlich versucht man einen Kampf zu vermeiden. Aber dies ist nun einmal nicht immer möglich. Manchmal muss man kämpfen, wenn man dem Recht zum Sieg verhelfen oder schwächeren beistehen will.cdas ist in meinen Augen auch eine Pflicht, denn aus Können erwächst auch Verantwortung.
Im Übrigen glaube ich nicht, dass das Ziel des Fragestellers wirklich darin besteht, bei der nächstbesten Gelegenheit einen anderen zusammenzuschlagen. Schon aus der Fragestellung heraus nehme ich eh das Gegenteil an.

Im Zweifel steht Aussage gegen Aussage. Da kommt es dann auf die relative Glaubwürdigkeit an. Ansonsten hat mir mein SV-Trainer mal gesagt: Besser zwei Juristen hinterm Schreibtisch als zwei Chirurgen hinterm Bett.

Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, wobei man sich natürlich die Frage stellen muss, was im jeweiligen Fall besser ist. Auch mit zwei Juristen hinterm Schreibtisch heißt das noch lange nicht, dass man – auch wenn man sich selbst unschuldig fühlt – tatsächlich davonkommt und nicht belangt wird. Natürlich steht Aussage gegen Aussage. Trotzdem wird von einem Kampfsportler erwartet, dass er in solchen Situationen anders, d.h. besonnener, handelt als dies von einer gänzlich unbedarften Person erwartet werden kann. Deshalb sind Notwehr-Exzesse, zu denen es rascher kommen kann als einem lieb ist, immer ein Problem. Natürlich steht im Fall der Fälle Aussage gegen Aussage. Die Staatsanwaltschaft kann sich jedoch auch selbst ein Bild von der Situation machen und wird wenn ein hinreichender Anfangsverdacht besteht Anklage erheben. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Verfahren (auch wenn es nur um Ermittlungen geht) in jedem Fall eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen und zudem auch noch eine psychische Belastung darstellen. Hier muss man sich schon die Frage stellen: Ist es das wert?
Unter Juristen gibt es auch einen bekannt Spruch: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.“ – Auch mit noch so guten Juristen ist nicht garantiert, dass man das Gericht wieder als unbescholtener Bürger verlässt. Das Gericht ist bemüht die Wahrheit zu ermitteln. Doch das gelingt nicht immer. In diesem Fall wird das Gericht der Version glauben schenken, die dem Gericht am wahrscheinlichsten ist. Dies muss aber nicht immer den tatsächlichen Geschehnissen entsprechen. Recht haben und vor Gericht Recht bekommen ist nicht das Gleiche!
Was die Aussage des Selbstverteidigungs-Trainers betrifft: Ja, besser zwei Juristen hinter dem Schreibtisch, als zwei Chirurgen hinter dem Bett. Das würde ich mit gewissen Vorbehalten unterschrieben. Je nach Lesart dieser Aussage könnte man darunter auch eine Wildwest-Manier verstehen: Erst schießen / schlagen – dann fragen.
Ich denke: Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf. Nur wenn es nicht anders geht, wenn ein Kampf absolut nicht zu vermeiden ist und meine Gesundheit oder mein Leben (bzw. das anderer) in Gefahr sind, nur dann sollte ich auch von meinen Möglichkeiten als Ultima Ratio Gebrauch machen. Ansonsten laufe ich zwangsläufig Gefahr mich entweder vor Gericht verantworten zu müssen oder im Krankenhaus zu landen, denn ich weiß im Voraus nicht, was der andere kann und wieviel Unterstützung er möglicherweise kurzfristig bekommen kann.
Um jeden Preis auf seinem (vermeintlichen) Recht zu bestehen bzw. das (vermeintliche) Recht durchzusetzen ist jedenfalls keine gute Idee und mit Sicherheit nicht zu unterstützen. Ich hoffe, dass Dein SV-Trainer ähnlich verantwortungsvoll denkt.

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