Karate und Christentum sind unvereinbar!

Karate male fighter young high contrast on black background.Eine Frage hat mich schon immer bewegt: Die tiefen Elemente des Karate, das Bushido, ist das nicht mit den Stützen des Christentums, dem Mitgefühl und der Liebe unvereinbar?

Ich komme nicht umhin, zunächst einige Punkte richtig zu stellen, bevor ich auf die eigentliche Frage eingehe.

Bushido ist der Weg der Samurai und bedeutet letztlich, sich für seinen Herrn aufopfern. Der Weg des Bushido bedeutet Tod, denn das Leben ist das teuerste Gut, das man für seinen Herrn geben kann. Loyalität und Treue bis in den Tod hinein genießen im japanischen Verständnis allerhöchste Anerkennung, was auch in der noch heute andauernden Verehrung jener 47 Ronin seinen Ausdruck findet, die ihr Leben gaben, nur um die Ehre ihres Herrn wieder herzustellen.

Bushido hat geschichtlich mit Karate im Grunde nur sehr wenig zu tun. Karate wurde von Bauern auf der Insel Okinawa zur Selbstverteidigung entwickelt und wurde gerade gegen jene, den Geist des Bushido pflegende Samurai eingesetzt.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand Karate seinen Weg nach Japan, wo es sich zunächst „ausländische“ Kunst – denn Okinawa galt nicht als „echtes Japan“ – gegenüber den traditionellen japanischen Kampfkünsten behaupten musste. Um Karate als „japanische Kampfkunst“ verkaufen oder sagen wir besser etablieren zu können, wurden die Tugenden der Samurai nachträglich integriert und aus der ursprünglichen Kunst der Selbstverteidigung, deren Ziel es natürlich war, den Gegner kampfunfähig zu machen, d.h. zu töten, wurde Karate-Do, der Weg des Karate.

Eine ähnliche Entwicklung haben übrigens nahezu alle japanischen Kampfkünste erfahren. Mit der Schlacht von Sekigahara im Jahr 1600, aus der Tokugawa Ieyasu als Sieger hervorging, endeten auch die Kriege im Land selbst. Die Kampfkünste suchten nach einer neuen Bestimmung und fanden diese in der inneren Vervollkommnung des Menschen. Das „Do“ wurde nun essentieller Bestandteil jeder Kampfkunst.

Doch nun zurück zur Fragestellung.

„Mitgefühl“ ist ein buddhistischer Begriff. Hier geht es darum, mit allem Leid der Welt zu fühlen. Ein Buddhist kann voll Mitgefühl an einem vom Schicksal schwer getroffenen und Hunger leidendem vorübergehen. Der christliche Begriff der Barmherzigkeit geht jedoch über reines Mitgefühl hinaus, denn die Barmherzigkeit fordert aus dem Mitgefühl heraus zu aktivem Tun auf um das Leid des Betroffenen zu lindern.

Barmherzigkeit und Liebe sind wesentliche Elemente des Christentums. Genau diese kann man doch auch mit Karate-Do vermitteln …

Natürlich, wenn man Karate nur als einen Kampfsport betrachtet, dessen Ziel es ist, andere zu verletzen, dann nicht. Doch im Karate geht es in erster Linie überhaupt nicht darum, andere zu verletzen oder ihnen Schmerz zuzufügen. Karate dient dem Menschen, es ist ein Mittel der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung.

Jeder, der sich eines anderen Menschen annimmt, der ihm Stütze und Hilfe auf seinem Weg ist, verrichtet in letzter Konsequenz ein Werk der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit erwächst aus der fürsorglichen Liebe für und der Sorge um den anderen.

Ich unterrichte ohne Ansehen der Person. Ich möchte, dass jeder Fortschritte macht und ich freue mich, wenn ein Schüler seine Grenzen überwindet, eine Technik meistert. Natürlich unterrichte ich nicht, weil ich gern im Mittelpunkt stehe oder Leute unter mir habe. Ich unterrichte, weil es meine Berufung ist, weil ich davon überzeugt bin, dass ich mein Wissen weitergeben muss, damit andere daran teilhaben können.

Etwas wird immer wieder gern vergessen: Ein Lehrer ist nichts ohne seine Schüler und ein Schüler nichts ohne seinen Lehrer.

Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist von gegenseitigem Respekt, Achtung, Dankbarkeit und Loyalität gekennzeichnet. Sind das nicht wiederum auch Synonyme für das christliche Wort Liebe?

Ohne Erwartung einer Gegenleistung geben auch die Schüler ihr Wissen untereinander weiter. Sie lernen voneinander, miteinander und füreinander, denn je besser mein Partner ist, desto mehr werde ich gefordert und um so besser kann ich selbst werden. Lehrer und Schüler stehen füreinander ein, das ist selbstverständlich …

Ich glaube der Kern der christlichen Botschaft, ist in der berühmten Bergpredigt Jesu Christi zu finden. Und diese Werte erscheinen vielen von uns – wenn auch unbewusst – nach wie vor erstrebenswert.

Es handelt sich um Werte, die auch mir wichtig sind und die ich täglich aufs Neue weiterzugeben versuche.

Natürlich zitiere ich im Training nicht die Bibel, denn die meisten meiner Schüler gehören überhaupt keiner Religion an. Dennoch steht wohl außer Frage, dass Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit, gerechtes und aufrichtiges Handeln, selbstlose Hilfe, alles Werte sind, die wir hoch einstufen, die wir erstreben und die wir im Handeln uns gegenüber auch irgendwie erwarten.

In jedem Training rezitieren wir – wie in vielen anderen Karate-Dojos in der ganzen Welt – die vom Begründer des Shotokan Karate, Gichin Funakoshi, aufgestellten Dojo-Regeln. Die Forderungen nach Charakterstärke, Aufrichtigkeit, unablässigem Bemühen, Höflichkeit und Selbstkontrolle sollen jedem Schüler immer wieder aus Neue ins Gedächtnis gerufen werden, auf dass er sie nicht vergesse. Diese Forderungen sind untrennbar mit dem Karate-Do verbunden und damit auch selbstverständlich Bestandteil des täglichen Trainings und Lebens.

Wenn wir diesen Forderungen zu entsprechen versuchen, verändern wir uns zum Guten und gerade weil diese Forderungen deckungsgleich mit christlichen Werten sind, ist die Übung des Karate-Do ein sehr gutes Mittel, christliche Werte nicht nur zu leben sondern auch aktiv weiterzugeben.

Wir wissen: Hass und Rache führen immer zu Gewalt und wecken das Schlechte in uns. Die Liebe überwindet die Trennung, sie baut auf, verbindet, errichtet Brücken und gibt Kraft.

Ein guter Lehrer sollte genau das sein: Die verständnisvolle Liebe für seine Schüler und Mitmenschen in Person. Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Ein Lehrer erklärt Dinge. Ein guter Lehrer veranschaulicht Dinge. Doch ein wahrhaft großer Lehrer inspiriert seine Schüler.“ Ich glaube, besser kann man es nicht formulieren.

In der letzten Konsequenz sehe ich weder einen Widerspruch zwischen den Werten des Karate noch den christlichen Werten der Barmherzigkeit und der Liebe. Im Gegenteil: Gerade durch das Karate-Training können diese Werte gestärkt und am konkreten (gelebten) Beispiel vermittelt werden.

Durch das „alltägliche“ Tun und Handeln, werden die Werte des Karate, welche deckungsgleich mit vielen christlichen Werten sind, Teil unseres Selbst und sind dadurch untrennbar mit uns verbunden. So ist Karate-Do ein Weg, der zu Mitgefühl führen und daraus Barmherzigkeit und Liebe erwachsen lassen kann.

Aus einem Interview von Deutschlandradio Kultur mit dem Organisten und Karatelehrer Ralph P. Görlach.

Auszug aus der Bergpredigt:
„Selig, die keine Gewalt anwenden …
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit …
Selig die Barmherzigen …
Selig, die ein reines Herz haben …
Selig, die Frieden stiften …
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden …

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.
Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.
Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.
Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.

Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes?“

geschrieben von: sascha am: 30.10.2014
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