Karate-Wettkämpfe – Über Shobu Ippon und Shobu Sanbon

Der Begründer des modernen Karate Gichin Funaloshi war Zeit seines Lebens gegen jegliche Art von Wettkämpfen. Nur widerstrebend akzeptierte er die von den jüngeren Karateka sportlichen Vergleiche. Funakoshi meinte, dass damit der Sinn des wahren Karate verloren ginge.

Masatoshi Nakayama, einer der Begründer der JKA, sagte später rückblickend über die Einführung der Wettkämpfe im Karate: „Nichts hat dem Karate so viel gegeben wie die Wettkämpfe. Und zugleich gibt es nichts, dass dem Karate so viel geschadet hat wie die Einführung der Wettkämpfe.“

Es ging früher nie um Gewinnen oder Verlieren. Ein Kampf war immer ein Kampf auf Leben und Tod und wer tot ist, kann kein Sieger sein. Es war eine Frage des Überlebens. Nach der Besetzung Okinawas durch die Samurai des mächtigen Satsuma-Clans wurde Karate im Geheimen geübt, um sich gegen die Besatzer zu wehren. In dem ungleichen Kampf zwischen schwer bewaffneten Samurai und Bauern, die meist nichts als ihre bloßen Hände zur Verteidigung einsetzen konnten, wurde der Ausdruck „ikken hisatsu“ (mit einem Schlag töten) geprägt. Gegen einen im Schwertkampf perfekt ausgebildeten Samurai gab es keine zweite oder dritte Chance, sondern nur eine Gelegenheit, die es mit aller Entschlossenheit zu nutzen galt.

Diesem Grundgedanken folgend wurde schließlich das System Shobu-Ippon eingeführt, bei dem eine volle Wertung den Kampf entscheidet. Ein Ippon wird dabei als eine Technik betrachtet, die den Kampf im Ernstfall beendet hätte, also potentiell tödlich gewesen wäre. Dabei wird der perfekten Ausführung der Technik höchste Bedeutung beigemessen. Die größtmögliche Kraftentfaltung ist nämlich nur mit einer grundschulmäßigen um nicht zu sagen der im Lehrbuch gezeigten Optimalform der Technik möglich. Und dazu kommen natürlich noch die im Kumite entscheidenden Punkte wie Reaktion, Timing, Distanz und nicht zu vergessen das korrekte Treffen des Ziels. Ein Wazaari, eine kleine Wertung, wird dabei mit 80% eines Ippon beschrieben, also ebenfalls eine nahezu perfekte Technik.

Eine volle Wertung, eine im Ernstfall tödliche Technik sollte den Kampf entscheiden. Um trotzdem sicher und ohne Gefahr für Leib und Leben Wettkämpfe bestreiten zu können wurde das eigentliche Ziel geringfügig vorverlagert. Dieses Ziel sollte mit aller Kraft angegriffen und so der Sieger des sportlichen Wettstreits bestimmt werden. Doch diese Grundidee wurde von Sportfunktionären bald als viel zu unattraktiv erkannt. Der Kampf konnte unter Umständen binnen Sekundenbruchteilen nach Eröffnung beendet sein. Ebensogut konnte es aber auch sein, dass sich der Kampf in die Länge zog, ohne dass einer der Kontrahenten den entscheidenden Punkt erzielen konnte.

Die Lösung des Problems hieß: Shobu Sanbon Kumite.

Wer nun meint, das Shobu Sanbon, also drei volle Punkte oder sechs kleine Wertungen im Grunde nichts anderes als ein erweitertes Ippon Kumite ist, der irrt gewaltig! Die Herangehensweise der Kämpfer ist eine ganz andere. Während beim Shobu Ippon bereits eine volle Wertung oder eine Unaufmerksamkeit eines der Kontrahenten den Kampf entscheiden kann, gibt es beim Shobu Sanbon ja insgesamt drei Chancen, eine quasi tödliche Technik anzubringen. Aber auch dies wurde weitestgehend entschärft bei Shobu Sanbon Wettkämpfen sind anders als beim Shobu Ippon seltener entscheidende Techniken zu sehen.

Die Anspannung der Kämpfer beim Shobu Ippon ist eine ganz andere als beim Shobu Sanbon. Beide wissen, dass eine Unaufmerksamkeit das Ende bedeutet. Beide wissen, dass ein im falschen Moment vorgetragener Angriff zur Niederlage führen wird. Jeder weiß, dass er sich keine Blöße geben darf. Entsprechend hoch konzentriert gehen sie in den Kampf. Es ist nicht nur ein Kampf der Muskeln sondern in höchstem Maße auch ein Kampf der Geister beider Kontrahenten. Die Risikobereitschaft ist angesichts der Gefahr einer raschen Niederlage meist deutlich geringer. Zugleich lernen die Kämpfer aber im Shobu Ippon, dass man sich selbst aufgeben können muss, um etwas zu erreichen.

Im Shobu Sanbon spielt das Taktieren eine viel größere Rolle. Da man ja genug Zeit und Chancen hat, kann man sich erlauben mit dem Gegner zu spielen, verschiedene Sachen auszuprobieren … Kleinere Unaufmerksamkeiten bedeuten nicht sofort das Ende … Alles Dinge, die im Shobu Ippon das Aus bedeuten können.

Aber Shobu Sanbon reichte einige Funktionären noch immer nicht und es wurden neue Wertungssysteme eingeführt, in denen die Punkte ähnlich wie beim Boxen durch die Kampfrichter gezählt werden.

Das Ergebnis dieser Bestrebungen ist etwas, das man nur noch schwer als Karate erkennen geschweige denn bezeichnen kann. Mit Händen und Füßen schlagen die Kontrahenten aufeinander ein. Es zählt ja schließlich weniger die Effektivität der Technik als vielmehr die Anzahl der Treffer. Im Sport-Taekwondo versucht man dem Problem durch elektronische Kampfwesten zu begegnen, die ähnlich wie beim Fechten erst ab einer bestimmten Schlagkraft einen Treffer anzeigen.

Wie dem letzlich auch sei – der alte Grundgedanke geht durch die Versportlichung verloren. Früher war es einfach: Es gab keinen zweiten Sieger, denn wer tot ist, kann kein Sieger sein. Die Idee eines sicheren Wettkampfs, der sich weitestgehend den alten Prinzipien verpflichtet fühlt ist ausschließlich im Shobu Ippon System zu realisieren, da dieses den ernsten Kämpfen, in denen es wirklich um Leben oder Tod ging, am nächsten kommt. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder, der Shobu Ippon in seiner ganzen Tiefe versteht und begreift, ganz klar erkennen wird, wie sehr die geforderte Geisteshaltung im Shobu Ippon von der im Shobu Sanbon abweicht, wie sehr verschieden beide Systeme letzten Endes sind. Die Schönheit eines Kampfes wird offenbar, wenn beide Kämpfer nicht nur versuchen, ihre körperliche Überlegenheit durch akrobatische Tricks uns Spielereien demonstrieren sondern vor allen auch geistig miteinander ringen müssen.

Um es auf die Spitze zu treiben: In einer realen Kampfsituation kann ich nicht dreimal sterben. Wenn das Messer des Gegners erst in meinen Bauch eingedrungen ist, ist der Kampf vorbei. Diese Denkweise im Shobu Ippon Kumite unterscheidet sich grundsätzlich von den Denkansätzen im Shobu Sanbon. Insofern verbietet sich alles von selbst, dass meine Position zum Vorteil des Gegners verschlechtert. Ich habe nur eine Chance gegen diesen Angreifer, der alles daran setzt mich auszuschalten. Diesen für meine Aktion günstigen Moment muss ich erkennen und nutzen.

geschrieben von: ralphp am: 28.04.2010
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Kommentare

Bravo!
Ein sehr schöner Beitrag, den ich gern gelesen habe.

endlich habe ich mal die Problematik von Wettkämpfen im Karate begriffen! Danke für die gute Darstellung.

Sehr schöner Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Danke!

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