Nagasaki – Ein Zufallsopfer der Atombombe

NagasakibombNagasaki hat durch den Atombombenabwurf am 9. August 1945 weltweit traurige Berühmtheit erlangt. Besonders tragisch dabei ist, Nagasaki ursprünglich überhaupt nicht auf der Liste der möglichen Ziele stand. Als Ersatz für das auf Betreiben des amerikanischen Verteidigungsministers Henry L. Stimson als Ersatz für Kyoto auf die Liste gesetzt.

Was viele gar nicht wissen: Auch am 9. August 1945 war Nagasaki keineswegs das Ziel des Bombers gewesen. Auch der Abwurf der Bombe hätte den Befehlen entsprechend nicht erfolgen dürfen …

Nagasaki war Standort des Mitsubishi-Rüstungskonzerns der große Werften im Hafen von Nagasaki betrieb. Dort produzierten und reparierten etwa 20.000 koreanische Zwangsarbeiter unter anderem Kreuzer und Torpedoboote für die kaiserliche Kriegsmarine. Sie hatten auch die Torpedos gebaut, mit denen Japan die US-Flotte auf Pearl Harbour angegriffen hatte. In der Stadt selbst waren nur wenige japanische Soldaten stationiert. Dafür gab es neben den bereits erwähnten Zwangsarbeitern auch amerikanische Kriegsgefangene in der Stadt. Dies war dem amerikanischen Oberkommando wohlbekannt, jedoch ignorierte es die entsprechenden Hinweise und beließ die rund 250.000 Einwohner zählende Stadt Nagasaki auf der Liste der möglichen Angriffsziele.

Die Schiffbauindustrie, die Nagasaki zu wirtschaftlicher Bedeutung verhalf, ließ die Stadt zum Ziel der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg werden. Doch sollte man auch wissen, Nagasaki, dass obwohl die Bombe die Nagasaki zerstörte diese weder für Nagasaki bestimmt war noch ihr eigentliches Ziel, die Schiffswerften traf.

Auf Tinian war die Plutoniumbombe „Fat Man“, welche später über Nagasaki detonierte, mit einer Sprengkraft von 22.000 Tonnen TNT in großer Eile und unter Auslassung wichtiger Kontrolltests zusammengebaut worden. Die Beteiligten standen unter dem Eindruck der Versenkung der USS Indianapolis am 30. Juli 1945. Dieser schwere Kreuzer war nach der Ablieferung von Teilen der Hiroshimabombe in Tinian auf der Weiterfahrt nach Guam von zwei Torpedos eines japanischen U-Boots getroffen worden und in wenigen Minuten gesunken. Es war der letzte Verlust eines US-Kriegsschiffes im Pazifikkrieg. Von den knapp 1.200 Mann Besatzung konnten nur 318 gerettet werden. Wäre dies auf dem Hinweg geschehen, so wäre Japan zumindest einer von zwei Atombombenangriffen erspart geblieben; schon die Gewinnung von waffenfähigem Material für drei Bomben hatte damals über ein Jahr gedauert…

Die Generäle auf Tinian beschlossen den Abwurf der zweiten Bombe am 8. August selbst. Als Befehlsgrundlage galt ihnen die Order des US-Präsidenten vom 24. Juli, wonach die „Spezialbomben“ nach dem 3. August einsatzbereit sein und nacheinander abgeworfen werden sollten. Eine weitere Order holten sie nicht ein. Das für den 11. August angesetzte Abwurfdatum wurde zwei Tage vorgezogen, da schlechtes Wetter vorhergesagt war.

Nachts gegen 2:00 Uhr am 9. August 1945 startete der 25-jährige Pilot Charles W. Sweeney den Bomber Bockscar mit teilweise neuer Besatzung und zwei Begleitflugzeugen. Sein Ziel war die im Norden der Insel Kyushu gelegene Stadt Kokura, eine Stadt mit viel mehr Rüstungsindustrie als Nagasaki.

Bei der Ankunft über Kokura lag die Stadt unter einer dichten Wolkendecke. Bei insgesamt drei Anflügen war die Sicht stark behindert, so dass Sweeney den Angriff abbrach. Er durfte die Bombe nur nach Sicht abwerfen, da er die Rüstungsbetriebe treffen sollte. Da dies nicht möglich war und das Flugbenzin zur Neige ging, flog er das Ausweichziel Nagasaki an.

Ursprünglich war ein Direktangriff auf die Schiffswerften geplant. Da über Nagasaki aber ebenfalls schlechte Sichtverhältnisse herrschten, konnte kein exakter Zielabwurf durchgeführt werden. Der Pilot hätte den Angriff unter solchen Umständen abbrechen müssen, entschied sich jedoch für einen Radaranflug. Nur ohne die Bombe an Bord hatte er eine Chance Okinawa gerade noch für eine Notlandung erreichen.

Als sich eine Wolkenlücke auftat warf der B-29 Bomber, die Bockscar, um die „Fat Man“ genannte Atombombe ab.

Sie detonierte um 11:02 Uhr Ortszeit etwa drei Kilometer nordwestlich des geplanten Zielpunkts über dicht bewohntem Gebiet in Urakami. Sie sollte eigentlich die Schiffswerften des Mitsubishi-Konzerns treffen, verfehlte ihr Ziel aber um mehr als zwei Kilometer.

Die Bombe zerstörte fast das halbe Stadtgebiet. Die Explosion in etwa 470 Metern Höhe über dem Boden vernichtete im Umkreis von einem Kilometer 80 Prozent aller Gebäude – zumeist Holzhäuser – und ließ nur wenige Überlebende zurück. Sie explodierte im Tal von Urakami, so dass die umliegenden Berge die Auswirkungen auf die Umgebung der Stadt dämpften. Die von der Detonation ausgelösten Hitzewellen setzten über eine Entfernung von vier Kilometern alles in Brand. Ein Feuersturm wie von den amerikanischen Militär-Strategen erhofft, blieb jedoch aus. Der Atompilz erhob sich 18 Kilometer in die Atmosphäre.

Anders als in Hiroshima war die Zahl der Opfer vergleichsweise gering, obwohl die Nagasaki-Bombe potentiell über nahezu die doppelte Sprengkraft verfügte wie ihr kleineres über Hiroshima abgeworfenes Pendant „Little Boy“. Doch „glücklicherweise“ kam es bei lediglich 1% des Plutoniums durch die Detonation zur nuklearen Kettenreaktion. Nicht auszudenken, wenn die Bombe ihre volle Sprengkraft hätte entfalten können.

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung wohnten 2.000 Meter oder weniger vom Zentrum der Explosion entfernt. Rund 22.000 Menschen starben sofort; weitere 39.000 erlagen innerhalb der nächsten vier Monate ihren schweren Verletzungen. Andere Schätzungen gehen von 70.000 bis 80.000 Toten aus. Die Zahl der registrierten Verletzten in Nagasaki betrug 74.909 Personen. Nach Schätzungen des Committee for the Preservation of Atomic Bomb Artifacts im Dezember 1945, fast vier Monate nach dem Abwurf, wurden 74.000 Menschen getötet und noch einmal so viele verletzt). Viele Menschen starben in Folge der Strahlenkrankheiten (Schätzungen: 1946 ˜75.000, 1950 ˜140.000).

Nicht wenige Japaner tragen gegenüber den Opfern des Atombombenabwurfs sogar Schuldgefühle mit sich herum. Dies mag absurd klingen, ist jedoch eine Tatsache. Ein Herr mittleren Alters sagte mir, dass wenn die Bombe nicht über dem mehrheitlich von katholischen Christen bewohnten Urakami sondern über dem eigentlich vorgesehenen Ziel explodiert wäre, er heute nicht leben würde, da dann sein Vater auch zu den Opfern der Atombombe gehört hätte. Weil die Bewohner von Urakami aber statt seinem Vater und vielen anderen ihr Leben verloren, fühlt er sich insofern in gewisser Weise ihnen gegenüber schuldig. Das mag aus unserer Sicht schwer nachzuvollziehen sein, ist aber eine typisch japanische Haltung.

Die extreme Hitzestrahlung ließ von vielen Menschen nichts als Asche zurück. Sie verwandelten sich buchstäblich von einem Augenblick auf den anderen in Staub. An manchen steinernen Wänden sind durch den gleißenden Blitz der Explosion wie bei einem Foto Schatten eingebrannt und geben so eine Momentaufnahme des Geschehens wieder. Diese Schatten sind häufig die einzigen verbliebenen Zeugen, da von den Menschen nichts übrig blieb.

Das in Nagasaki befindliche Museum zum Atombomben-Abwurf ist wesentlich kleiner als das entsprechende Museum in Hiroshima. Überhaupt erscheint in Nagasaki vieles kleiner als in Hiroshima. Sicher ist Hiroshima nicht nur bedeutend größer als Nagasaki sondern darüber hinaus auch deutlich leichter zu erreichen. Auch dies ist wahrscheinlich ein Grund dafür, dass Hiroshima mit wesentlich mehr Informationen aufwartet als Nagasaki.

Erstaunlicherweise ist die Strahlenbelastung heute auch in Nagasaki nicht über dem Niveau der gewöhnlichen Hintergrundstrahlung (natürliche Radioaktivität) und somit nicht höher als in anderen Gebieten der Erde.

Erwähnt werden sollte abschließend auch, dass in Nagasaki der Wunsch nach Frieden auch für politische Zwecke missbraucht wurde. Im Friedenspark von Nagasaki befinden sich eine Vielzahl von Mahnmalen der einstigen sozialistischen Staaten, darunter auch Ostdeutschlands (DDR) und der Sowjetunion (Russland). Das Makabere an letzterem Land ist, dass der Einsatz der Atombombe von Stalin ausdrücklich gutgeheißen wurde.

Durch die Atombombe wurde neben den zahlreichen Menschenleben auch unzählige einmalige Kunstwerke für immer vernichtet. Darunter auch die Kathedrale von Urakami, die zu dieser Zeit weithin als die schönste und großartigste Kirche Japans bekannt war. Die Kathedrale von Urakami befand sich in unmittelbarer Nähe des Explosionszentrums wodurch sie völlig zerstört wurde. Ein einzelner Torbogen des Eingangsportals steht heute noch als Mahnmal. Er lässt die einstige Pracht und Schönheit dieses Sakralbaus erahnen.

Neben der Bekanntheit als zweite Stadt der Welt, die durch eine Atombombe nahezu ausgelöscht wurde, ist Nagasaki aber auch für seine stark an China erinnernde Tempel berühmt, die teilweise sogar Stück für Stück in China gefertigt und dann auf dem gefährlichen Seeweg nach Nagasaki gebracht wurden.

Der über nahezu 300 Jahre für Ausländer einzig zugängliche Teil Japans, die künstlich Insel Dejima ist ebenfalls nicht nur von historischem Interesse.

Auch die Geschichte des Christentums in Japan ist mit keiner anderen Stadt so eng verwoben wie mit Nagasaki.

geschrieben von: sascha am: 9.08.2013
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