Persönliche Ausgeglichenheit – Warum wir trainieren (Teil 2)

meditation„Glaubst du, Buddha sei perfekt gewesen? Er muss Fehler begangen haben, so wie jeder andere auch.“ (Taisen Deshimaru Roshi, Zen Meister des 20. Jahrhunderts)

In der ersten Kolumne, vor zwei Ausgaben, habe ich meine Lieblings-Erzählung zu den Kampfkünsten wiedergegeben. Die Geschichte handelte von einem jungen, talentierten Krieger, der sich den Herausforderungen seines weisen, gestrengen und stets unvorhersehbar handelndem Meister ausgesetzt sah. Ich glaube das diese Geschichte genau deshalb (vielleicht aber auch nicht) in den Kampfkünsten so populär ist, weil wir alle einen kleinen Teil von uns selbst in beiden, sowohl in dem jungen Krieger, als auch dem alten Meister wiederfinden.

In dieser und meiner nächsten Kolumne möchte Ich ein wenig näher auf die einzelnen Aspekte der Erzählung eingehen und meine Gedanken zum Wert des Trainings in den Kampfkünsten teilen. Mit geht es dabei insbesondere darum, wie wir die in den intensiven traditionellen Trainingseinheiten gelernten Lektionen in der heutigen Zeit angesichts der modernen Herausforderungen nutzen können.

Nur so viel für jene, die sich fragen, wie die Geschichte ausgegangen sein mag: Der Schüler hat letztlich sein Ziel erreicht. Letztlich hat er jenen einen Aspekt der Kampfkünste den er (und wir) am meisten brauchen gemeistert. Nein, es geht dabei nicht um neue, noch ausgefallenere Tricks oder, wie man sich noch schneller bewegt und auch nicht, wie man eine noch tödlichere Waffe wird. Nein, er lernt vielmehr zu sein persönliches Ausgeglichenheit zu finden, auf kluge Weise zu leben.

In vielerlei Hinsicht ist persönliche Ausgeglichenheit (und es gibt noch zahllose andere Begriffe dafür) die wichtigste Fertigkeit, die uns das Kampfkunsttraining schenken kann. Denn damit lernen wir etwas, was sowohl wichtig wie auch notwendig ist – zwei völlig gegensätzliche Lebensformen zu einer sehr wirkungsvollen Art zu leben zu vereinen.

Zunächst erlaubt uns persönliche Ausgeglichenheit die Wahrnehmung unserer Beziehung mit der uns umgebenden Welt im Hier und Jetzt indem sie uns die Fähigkeit verleiht ohne jede Verzögerung die Realität (unsere Stellung in gerade jenem Augenblick) zu erfassen und zu akzeptieren. Auf diese Weise bleiben wir frei von Erwartungen, so dass wir uns Gefahr, Unglück oder Glück voll und entschieden stellen können. Wir sind in der Lage, dem Augenblick entsprechend, augenblicklich zu antworten. Und zwar mit der ganzen Kraft unseres Geistes, und ohne Zögern oder Zweifel, die uns nur in größere Gefahr bringen würden.

Dann gibt uns persönliche Ausgeglichenheit das Vertrauen und die Ruhe um Pläne und Strategien auszuarbeiten und letztlich demgemäß zu handeln, so dass wir uns nach vorn bewegen, in eine im Vergleich zur jetzigen bessere Position. Von Verteidigung (jener Lage in der wir ohne nachzudenken reagieren, nach Luft ringen, nur darüber nachdenkend unseren Arsch zu retten, unsicher darüber, ob wir überleben werden) zu Angriff zu wechseln, wo wir unseren Gegner durch geschickte Strategien und Schachzüge in eine uns genehme Position bringen können, damit wir unser Ziel erreichen.

In der Erzählung über den jungen Krieger führt der alte Meister den Schüler durch den schwierigen Prozess der Entwicklung persönlicher Ausgeglichenheit, indem er ihn drei entscheidende Lektionen der Kampfkünste lehrt. Die erste dieser Lektionen ist es Lösungen zu sehen, die zweite, die eigenen Emotionen zu kontrollieren und die dritte, den Geist des Anfängers zu bewahren.

Die erste Lektion: Lösungen sehen

Wir sehen Lösungen, wenn wir in der Lage sind, die Möglichkeiten zu erkennen, die jede Krise zugleich bietet – anstatt nur die Schwierigkeiten zu sehen; die Öffnung zu erkennen, die in jedem Angriff verborgen ist – statt nur der Gefahr. Um Lösungen erkennen zu können müssen wir in der Lage sein von einem Lidschlag zum anderen zwischen dem ganzen Wald und dem darin stehenden einzelnen Baum hinüber her zu schalten.

Die Essenz zum Erwerb dieser Fertigkeit liegt in der Fähigkeit zu akzeptieren, was ist, und zugleich zu realisieren dass die Position wo wir stehen (sowohl im Guten wie im Schlechten) niemals unsere endgültige Position ist. Es ist nur ein Schritt auf unserer Reise, ein Augenblick in der Zeit – nichts weiter.

In guten Zeiten können wir uns die Zeit nehmen uns auszuruhen, ein Lager aufzuschlagen, uns zu wappnen, Spaß zu haben und das Leben zu genießen. In schlechten Zeiten hingegen müssen wir möglicherweise unseren Kurs drastisch ändern, angreifen, rennen, uns verstecken, oder einfach nur die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Ganz gleich, die Aufgabe ist letztlich die gleiche, wir müssen die Lösungen sehen, die bereits da sind, und die Möglichkeiten, die sich eröffnen, nutzen – je entschiedener, desto besser.

So wie wir im Training oder Schüler in der Erzählung gelernt haben, ist es schwierig, Lösungen zu sehen, wenn wir überrascht werden oder blind für das Unerwartete sind. Noch schwerer ist es für jeden von uns Lösungen zu sehen, wenn wir das Gefühl haben überfordert zu sein. Wie können wir hoffen einen Plan schmieden zu können, wenn uns bereits die Voraussetzungen fehlen, von einem Augenblick zum nächsten zu gelangen, oder die Kraft, irgendetwas zu unserer Rettung zu unternehmen?

Das Training lehrt uns die Schmerzen zu ignorieren, die Angst zu kontrollieren und so zwei sonst schädlichen Geisteshaltungen zu entgehen in die wir beim Versuch der Herausforderung entgegenzutreten hineingeraten. Zunächst überzeugen wir uns oft selbst, dass es nur eine einzige perfekt (und meist unerreichbare) Lösung gibt. Da dies fast immer der Fall ist, erscheinen uns aus gleichem Grund eine Vielzahl guter Alternativen zum Scheitern verurteilt zu sein. Und zum Anderen, gleich dem Hirsch der im Scheinwerferlicht des ihm entgegenkommenden Fahrzeugs erstarrt, gelangen (wir häufig in blinder Panik) zu dem Gefühl, dass es keine Lösung gibt. Verwirrt und gelähmt befinden wir uns im freien Fall, kämpfend ohne jedes Ziel, wie der Hase in der Falle.

Die Wahrheit ist, dass es für jedes Problem mehrere Lösungen und Wege gibt, sich gegen den Gegner durchzusetzen. Als Beweis dafür sei das folgende einfache aber universell gültige Beispiel angeführt. Wie oft habt ihr euch schon abgemüht, eine schwierige Herausforderung zu meistern, hart daran gearbeitet die richtige Lösung zu finden, dieser dann zu folgen nur um dann nach einem Jahr (Monat, Woche, Tag oder gar schon im nächsten Augenblick …) zurückblickend zu sagen: „Verdammt, ich hätte es doch anders angehen sollen …?“

Die zweite Lektion – Die Kontrolle der Emotionen

Die zweite Lektion des alten Lehrers ist die der Disziplin. Für uns bedeutet das nicht den Kopf zu verlieren, wenn wir uns schwierigen Situationen gegenüber sehen. Um sich mit einer Krise zu beschäftigen, Veränderungen zu überstehen, oder einen Konflikt zu gewinnen, müssen wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren, auf die Aufgabe (die gewählte Lösung) – ganz gleich, was auch passieren mag. Für gewöhnlich – und genau das ist der schwierige Teil – bedeutet dies, dass drei spezifische, das Gleichgewicht störende Emotionen kontrolliert werden müssen: Ärger, Angst und Befürchtungen.

Nun, bitte nicht missverstehen, Ärger, Angst und Befürchtungen gehören zum Menschsein dazu. Es sind eure Emotionen, die darüber entscheiden, ob ihr kämpft oder flüchtet, es sind jene Emotionen die sich zeigen, wenn ihr Gefahr ausgesetzt seid. Ohne diese Emotionen könnt ihr nicht normal funktionieren und ihr werdet sie daher auch nicht verlieren wollen. Sie sind ferner auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Dennoch, so wie auch der junge Krieger in der Erzählung letztlich gelernt hat, sind sie ein unerwünschtes Hindernis wenn dich nur die Fähigkeit zu handeln retten kann, nicht Pläne oder Gefühle.

Warum? Weil dich jede dieser Emotionen von der Gegenwart trennt und dich damit in eine Lage bringt, die alles andere als ausgeglichen ist. Um es in aller Kürze auf den Punkt zu bringen:

Ärger hält uns in der Vergangenheit fest

Ärger fokussiert unsere Aufmerksamkeit auf ein zurückliegendes reales oder eingebildetes Vorkommnis, durch welches wir verletzt, in Schrecken versetzt, gefordert oder enttäuscht wurden. Wenn wir ärgerlich sind, konzentrieren wir uns auf diesen Schmerz. Es geht in unserem ganzen Bemühen nur noch darum, Dinge zurecht zu rücken und die Vergangenheit zu bewältigen. Ärger kann wie ein Blitz sein, der von einer Minute zur anderen kommt oder auch ein lebenslanger emotionaler Begleiter. Wie dem auch sei, indem du dich auf das Gefühl des Ärgers konzentrierst, wirst du zugleich davon abgehalten, deine volle Aufmerksamkeit dem Hier und Jetzt zu widmen und in der Gegenwart zu handeln.

Versuche einmal das folgende während du sitzt und diese Worte liest. Denke an etwas, das dich ärgert. (Nur ein bisschen. Du musst dir ja nicht gleich den ganzen Tag verderben.) Vielleicht nur eine Kleinigkeit: du bist verletzt worden, weil dich jemand an der Kreuzung geschnitten hat, du dir ausgerechnet vor dem Vorstellungsgespräche Kaffee über den Anzug geschüttet hast, oder dein Lieblingsrestaurant hat geschlossen. Es reicht schon aus, sich den Zeh im Dunkeln zu stoßen, den Schlüssel zu verlieren oder am Telefon endlos lang in einer Warteschleife gehalten zu werden. Vielleicht denkst du auch einmal an etwas Größeres: Dein Chef hat dich für etwas beschuldigt, was du nicht zu verantworten hast und will dich feuern, oder deine Frau hat dich betrogen, oder dein Kind wird von deutlich stärkeren verprügelt.

Jetzt wirst du feststellen, dass wenn du den Ärger fühlst, du zugleich aufhörst ihn als Gedanken zu sehen, als etwas entferntes, als eine Erinnerung, du erfährst ihn vielmehr als etwas, das gerade jetzt in diesem Augenblick passiert. Ganz gleich wo du gerade bist, es wird hier und jetzt gegenwärtig. Du bist in deinem Kopf an einem ganz anderen Ort, da Ärger und Wut immer zur Gegenwart werden. Wenn du wütend oder verärgert bist, nimmst du das was gewesen oder passiert ist wesentlich stärker wahr, als das was gerade passiert, als das was auf der Hand liegt …

Wenn du wütend oder verärgert bist kann es kein Gleichgewicht geben, ganz gleich wie sehr du dich auch bemühst, denn du kannst nicht gleichzeitig in zwei emotionalen Welten zugleich sein. Wenn du dich nicht auf das konzentrieren kannst, was in der Gegenwart getan werden muss, weil du dich weil du dein Kräfte in der Gegenwart dafür verwendest um Fehler der Vergangenheit zu korrigieren oder dich zu rächen, verringerst du deine Optionen, denn du beschränkst deine Fähigkeit zu denken und spontan zu handeln. Das zerstört dein Timing.

In der nächsten Ausgabe werde ich meine Ausführungen zum Thema warum wir trainieren mit einigen Gedanken zu Angst und Befürchtungen sowie die Schönheit des Anfängergeistes abschließen.

Übersetzt mit freundlicher Genehmigung von Edmond Otis.

Weitere Teile der Reihe:

Teil 1: Samurai-Erzählung: Der Schüler und der Lehrer (Warum wir trainieren)

Teil 3: Der Geist des Anfängers – Warum wir trainieren

geschrieben von: sascha am: 17.01.2013
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Kommentare

Danke! Das bringt es zu 100 Prozent auf den Punkt.

Der Text sollte kritisch betrachtet werden. Bei Mobbing am Arbeitsplatz, kann ich dem Mobbing ausführenden nicht noch dazu beglückwünschen das er sowas tut. Mobbing führt zu einem seelischen ungleichgewicht. Richtig ist das es nichts bringt sich “ an den Ärger zu klammern“. Es ist nicht einfach da das Gleichgewicht wieder zufinden. Im Training kann es auch passieren das durch störende Faktoren ein Ungleichgewicht entsteht. Was natürlich nicht sein sollte. bezogen auf das Training stimme ich dem Text zu. Im bezug zum Alltagsgeschehen stimme ich dem geschrieben nicht zu. Denn es wird immer Menschen geben die irgendetwas an einem auszusetzen haben, Nase, passt nicht, zu groß, zu klein ect.pp.
In solcher Situration nützt einem das beste Wissen aus der Kampfkunst nichts.

Im Text geht es ausschließlich um das Alltagsgeschehen und nicht um das Training. Wissen nutzt natürlich nichts. Es geht immer darum, dass man nicht etwas weiß, sondern diese Etwas verinnerlicht, dass dieses Etwas ein Teil des eigenen Selbst wird.

Auch und gerade in Bezug auf Mobbing gibt es immer (mindestens) zwei Personen: Eine die mobbt und eine, die sich mobben lässt.

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