Prof. Querulix: „Bildung schafft die geistige Verfassung, in der Intelligenz das Dasein gestaltet.“

schule-schuelerIm Unterschied zur Ausbildung ist der Mensch aus der Perspektive der Bildung nicht Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst. „Bildung ist viel mehr als Wissensvermittlung, sie ist die Formung einer eigenständigen, sozial integrierten Persönlichkeit“, definiert Prof. Querulix das anzustrebende Ideal.

Daß die deutsche Bildungspolitik dieser Aufgabe gerecht wird, dürfte wohl niemand ernsthaft behaupten. Viele Experimente haben in den letzten Jahrzehnten mehr geschadet als genützt. Im folgenden wird ein Beispiel aus der gegenwärtigen Praxis der Ganztagsbetreuung an Hamburger Grundschulen geboten.

Das deutsche Schulsystem orientierte sich jahrzehntelang an der „heilen Kleinfamilie“, in der der Mann einem ganztägig währenden Beruf nachging und die Frau das traute Heim verwaltete. Kinder verbrachten den Vormittag in der Schule und wurden anschließend zu Hause von der Mutter betreut.

Dieser idealtypische Zustand ist schon lange Geschichte.

Vielfältige gesellschaftliche Veränderungen haben stattgefunden: die Anzahl der alleinerziehenden Mütter und Väter wächst, „Familien“ im Sinne von „lebenslänglicher Ehe, Vater, Mutter, Kinder“ sind heute längst nicht mehr die Regel, eher schon die Ausnahme.

Selbst wenn diese vom Grundgesetz idealisierte Familie tatsächlich existiert, wartet die Ehefrau und Mutter nicht zwangsläufig mittags sehnsüchtig auf die Heimkehr der Kinder, da sie selbst beruflich eingespannt ist. Ob diese Berufstätigkeit freiwillig oder der Notwendigkeit geschuldet ist, sei dahingestellt und ist hier nicht Thema.

Eine Betreuung von Kindern durch Familienangehörige ist nicht immer möglich, da Verwandte – auch Großeltern – häufig nicht willens oder in der Lage sind, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Diese Aufgabe verlagert sich deshalb zunehmend auf private oder staatliche Träger, die die Nachmittagsbetreuung der Kinder übernehmen.
Auch die Schulen haben diese Herausforderung inzwischen angenommen und so wird die Nachmittagsbetreuung von den aus dem Boden gestampften Ganztagsschulen übernommen.
Wurden aber auch alle Stolpersteine vorausschauend gesichtet und aus dem Weg geräumt? Schön Wär‘s.

Wenn die Verweilzeiten in der Schule sich ändern, von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr auf 7.00 Uhr bis 16.00 Uhr, und in den Ferien ganztägig geöffnet ist, bedarf es vielerlei baulicher als auch organisatorischer Veränderungen.

Wie sieht zum Beispiel der Tag eines 7-jährigen Mädchens, nennen wir sie Julia, im Nordwesten einer Hamburger Grundschule aus?

Julia ist ein unkompliziertes Kind, das mit seiner Mutter, einer alleinerziehenden Krankenschwester, zusammenlebt. Die Großeltern leben in München, der Vater bei seiner neuen Familie in Frankfurt. Julias Mutter ist wegen ihres Schichtdienstes häufig auf den Frühdienst, den die Betreuung anbietet, angewiesen. Um 7.00 Uhr – wenn nötig sogar ab 6.00 Uhr – kann sie Julia dann schon in die Schule geben, wo die früh eintreffenden Kinder von einer Erzieherin betreut werden.

Um 8.00 Uhr geht es dann los mit dem Unterricht. Im 45-minutentakt lernen die Kinder Lesen, Rechnen, Sachkunde, Religion usw. und sollen sich rücksichtsvoll gegenüber Lehrern und Mitschülern verhalten, also nicht laut sein und möglichst still auf ihrem Platz verharren.

Julia fällt das zum Glück nicht schwer, sie kann ihr Bedürfnis, zu Toben und auch einmal laut zu sein, bis zur Pause aufschieben. Alle ihre Klassenkameradinnen und -kameraden schaffen das aber nicht, besonders ihr Freund, den wir hier Niklas nennen, hat sich bis zur Pause schon jede Menge Ärger der Lehrerin eingehandelt. Als ADHS-Kind mimt er lieber den Klassenclown und stört.

Um 13.00 Uhr kommt der (erlösende) Gong.

Julia darf gemütlich über den großen Schulhof zum Klassenraum der 2. Klasse schlendern, sich dort bei den Erziehern melden, um dann in die Mensa zum Essen zu gehen. Niklas darf das noch nicht, er muß schnell in die Mensa zum Essen, weil um 13.15 Uhr sein Förderunterricht beginnt, in dem er nachlernen soll, was er vormittags versäumt hat.

Da Julias Mutter Krankenschwester ist, weiß die Tochter , daß sie sich vor dem Essen die Hände waschen sollte. Leider klappt das nicht immer. In dem Klassenraum, in dem die Nachmittagsbetreuung stattfindet, gibt es nur zwei Waschbecken für 56 (!) Kinder. Die Erzieherinnen haben notgedrungen einen Kompromiß geschlossen: die Kinder mit den schmutzigsten Händen werden zum Händewaschen aufgefordert, der Rest geht eben so durch.

Nun kommt Julia in die Mensa. Mensa? Im großen Pausenraum, in dem die Einschulungen stattfinden, in dem der Osterflohmarkt abgehalten wird, in dem die Theatergruppe sich zweimal im Jahr den Eltern präsentiert, wurde mit bunten Stellwänden ein Teil abgetrennt, sodaß bis zu 200 Kinder in zwei Schichten an endlosen Tischreihen das Essen zu sich nehmen können. Zwar dämpfen die Stellwände den Schall ein wenig und bieten auch etwas Sichtschutz, aber es ist immer noch ziemlich laut. Alle Kinder müssen bis 14.00 Uhr die Mahlzeit beendet haben, da dann die Hausaufgaben unter Aufsicht zu erledigen sind. Außerdem müssen die Küchenangestellten (ausnahmslos 400-Euro Kräfte) spätestens dann mit den Aufräum- und Reinigungsarbeiten beginnen.

Die Eßmanieren der Kinder sind sehr unterschiedlich: Julia hat gelernt, ordentlich mit Messer und Gabel umzugehen und weiß sich auch am Tisch zu benehmen. Es gibt jedoch andere Kinder: statt des Messers wird die (nicht gewaschene) Hand als Schieber für die Spaghetti mit Tomatensauce genutzt und das Messer wird danach genüßlich abgeleckt. Die Ellenbogen kleben förmlich am Tisch, mit offenem Mund schmatzend wird das Essen verschlungen. Wenigstens Mützen und Käppis wurden nach mehrfachen Ermahnungen durch die Betreuerinnen abgelegt.

Ist das die Eßkultur, die Bildungseinrichtungen vermitteln wollen?

Wenn Ganztagsbetreuung in Schulen stattfindet – und auch stattfinden muß – erwarten Eltern und Bürger dieses Staates, daß diese im Sinne des Bildungsauftrags durchgeführt wird. Es geht also nicht um bloße Aufbewahrung von Kindern, sondern um deren Bildung zu Menschen, von denen einmal die Verfassung unseres Staates und die Zukunft unserer Gesellschaft abhängen werden.

Wenn ein Kind acht Stunden von anderen Erwachsenen als den Eltern betreut wird, haben Eltern Erziehungsverantwortung delegiert und das bedeutet, daß die entsprechende Institution – hier Schule – ihrer Verantwortung gerecht werden muß.

Das beginnt bei den örtlichen und räumlichen Voraussetzungen. So ist sicherzustellen, daß jedes Kind die Möglichkeit hat, sich die Hände zu waschen. Hamburgs alte Schulbauten sind auf einen Ganztagsbetrieb nicht ausgerichtet. Was spricht dagegen, zunächst Container mit entsprechend ausreichend Waschgelegenheiten aufzustellen? Die neuerliche aberwitzige Idee, Schulhöfe zu verkleinern um für breite Schichten sowieso nicht bezahlbaren Wohnraum in zentraler Lage zu schaffen (oder vielleicht eher der Wunsch die klamme Hamburger Haushaltskasse auf Kosten von Menschen zu füllen, die sich nicht politisch wirksam wehren können?) wäre dann allerdings vom Tisch!

Ganztagsschulen brauchen das ganze Schulgelände und nicht nur einen (kleinen) Teil!

Weiterhin ist dafür Sorge zu tragen, daß unsere Kinder in entspannter Atmosphäre das Essen zu sich nehmen können. Hektik und Lärm beim Essen erzeugen Streß und gefährden die Gesundheit. Deshalb muß jede Schule eine Mensa oder entsprechende Räumlichkeiten nur zum Zweck des Essens vorhalten.

Gemeinsames Essen in der Schule heißt auch, Verantwortung für die Vermittlung kultivierter Eßgewohnheiten zu übernehmen. Der alte, richtige Spruch „für die Erziehung sind die Eltern zuständig“ stimmt in diesem Zusammenhang nur bedingt. Die alte afrikanische Weisheit „Für die Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf“ trifft die Wahrheit viel besser. Für die Ganztagsbetreuung gilt dies ganz sicher. Denn „erzogen“ wird ein Kind immer, und je länger es mit seinen Betreuern in der Schule zeitlich zusammen ist, desto mehr Verantwortung tragen diese auch!

Lehrer und Erzieher sind also gefordert. Sie ergänzen in der Betreuungszeit die Familie. Sie leben unter anderem auch Eßgewohnheiten vor und sollten vermitteln, daß gemeinsame Mahlzeiten „gemeinsam“ erfolgen: ich lümmele nicht auf dem Stuhl herum, ich warte mit dem Essen, bis alle sich die Teller gefüllt haben, ich schmiere nicht mit dem Essen herum, ich fuchtele nicht mit dem Besteck vor dem Gesicht meines Gegenübers.

Wer sich als Betreuer/in bewußt mit Kindern zu einer gemeinsamen Mahlzeit hinsetzt merkt, wie sehr diese das genießen. Sitzen Lehrer/innen oder Betreuer/innen mit am Tisch ist es sehr gut möglich, Tischmanieren vorzuleben. Denn Kinder ahmen nach, was ihnen vorgelebt wird, und sie sind grundsätzlich willig, zu lernen. In der ganztägigen Betreuung ist es schlicht eine Verpflichtung für die Erwachsenen, sich entsprechend einzubringen.

Sind die Bedingungen beim Essen aber so wie oben beschrieben – ca. 200 Kinder mit maximal vier Betreuer/inne/n in einem Provisorium – kann man dieser Verpflichtung beim besten Willen nicht nachkommen.

Ein weiteres Problem ist die enge zeitliche Aufeinanderfolge von Vormittagsunterricht und Nachmittagsbetreuung: 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr regulärer Unterricht, 13.15Uhr bis 14.00 Uhr Mittagessen, ab 14.00 Uhr Hausaufgabenbetreuung. Für die Kinder bedeutet dies Dauerstreß, weil sie ständig Ermahnungen ausgesetzt sind. Sich austoben, chillen, sich besinnen, Kind sein – das ist nicht möglich, weil ständig irgendwelche Aktivitäten vorgeschrieben sind.

Warum gibt es über die Mittagszeit keine 2-stündige Pause, in der die Kinder in Ruhe ihre Mahlzeit einnehmen und ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen können? „Mahlzeit“ verdiente dann auch diese Bezeichnung. Zur Zeit handelt es sich nur um eine Nahrungszufuhr!

Ganztagsschule, Du hast einen wichtigen Auftrag! Führe ihn bitte auch richtig aus!

„Bildung vermittelt jungen Menschen Wissen, Können und Erfahrungen, die sie zum Leben in menschlicher Gemeinschaft und zur Führung eines gesunden sinnerfüllten Lebens ertüchtigen. Sie fördert die soziale und moralische Gesundheit des einzelnen wie auch der Gesellschaft.“ Das sollte im politischen Handeln doch höchste Priorität haben.

Quelle: openPR

geschrieben von: sascha am: 6.09.2013
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