Sauerstoff – Ein wichtiger Stoff zum Leben

arzt-doktor-medizin-3Sauerstoff ist der wichtigste Stoff den wir unserem Körper von außen zuführen müssen, um zu überleben. Ohne Nahrung kann man gut einen Monat überleben, ohne Getränk eine Woche, aber ohne Sauerstoff nur wenige Minuten. Umso wichtiger ist es, dass die Lunge gut funktioniert. Die Lunge avanciert somit zu unserem wichtigsten Organ in unserem Körper. Klar, das Herz ist wichtig und auch die anderen Organe, sonst hätte die Natur sie ja auch weg lassen können. Man kann das auch mit einem Auto vergleichen, wenn ich kein Benzin einfülle, dann nützt auch der beste Motor nichts. Was aber, wenn die Lunge nicht mehr so mitspielt, wie sie sollte und wie wir es von Anbeginn unserer Existenz gewöhnt sind? Was bringt die Sauerstoffversorgung bei Lungenerkrankungen? Warum brauchen wir überhaupt Sauerstoff? Wie stellt man fest ob zusätzlicher Sauerstoff benötigt wird? Diesen und anderen Fragen wollen wir in diesem Interview mit Herrn Dr. Erik Skobel, Leitender Oberarzt für Pneumologie, Kardiologie und Rehabilitationswesen an der Rehaklinik Rosenquelle in Aachen, verantwortlich für den Bereich der pneumologischen und kardiologischen REHA, nachgehen.

W.R. – Herr Dr. Skobel, vielen Dank, dass sie sich die Zeit nehmen, uns zum Thema Sauerstoffversorgung einige Fragen zu beantworten. Alle Lebewesen auf diesem Planeten brauchen Sauerstoff um zu existieren. Warum müssen wir unseren Körpern Sauerstoff zuführen?

Dr.E.S. – Lieber Herr Ramsteiner, danke für die Einladung. Bis auf einige Bakterien benötigen alle Zellen für ihren Stoffwechsel Sauerstoff. Pflanzen setzen diesen Sauerstoff aus Kohlendioxid frei. Dies ist bei uns nicht anders. Ohne diesen Sauerstoff wäre der Energiestoffwechsel der Zellen nicht gewährleistet und unser Organismus könnte nicht existieren.

W.R. – Was geschieht dann mit dem Sauerstoff, wenn wir ihn eingeatmet haben?

Dr.E.S. – Der Sauerstoff (21 % in der eingeatmeten Luft) gelangt über die Bronchien in die Lungenbläschen (Alveolen). Dort gelangt er in Kontakt mit den roten Blutkörperchen, die nur durch eine dünne Trennwand von den Lungenbläschen getrennt sind. Der Sauerstoff wird nun in den roten Blutkörperchen an das Hämoglobin gebunden und zu den Zielorganen transportiert.

W.R. – Kann unser Körper den Sauerstoff eine gewisse Zeit speichern? Ich denke da jetzt an tief Luft holen und unter Wasser tauchen.

Dr.E.S. – Leider nein, viele denken, dass auch die Einnahme von Sauerstoff über mehrere Stunden anhält. Wenn man dabei ein Messgerät zur Sauerstoffsättigung benutzt, kann man sehen, dass der Sauerstoffgehalt im Blut bereits nach einigen Minuten abfällt.

W.R. – Der Lungenfacharzt hat bei seinen Untersuchungen festgestellt, dass der Patient zusätzlichen Sauerstoff benötigt. Wie wird das festgestellt?

Dr.E.S. – Der Lungenarzt macht eine routinemäßige Blutgasanalyse. Diese wird durch eine Blutabnahme aus dem Ohrläppchen durchgeführt. In dieser Blutprobe kann dann die Sauerstoffspannung (in mm Hg) an Sauerstoff, Kohlendioxid sowie der Säuregehalt des Blutes festgestellt werden. Wenn der Sauerstoffwert in mehreren Messungen unter 55 mm Hg beträgt, liegt eine Unterversorgung vor, die eine Sauerstoffgabe erforderlich macht. Manchmal wird dieser Wert auch erst unter Belastung unterschritten, so dass bei besonders zunehmender Luftnot unter Belastung eine Messung nach einer Belastung (Gehen, Fahrrad fahren) erfolgt.

W.R. – Können sie für unsere Leser die Blutgasanalyse noch einmal genauer erklären? Was bedeuten die einzelnen Werte und welche Schlussfolgerungen kann man als Spezialist draus ziehen?

Dr.E.S. – Wie schon oben beschrieben, liefert mir die Blutgasanalyse neben dem Sauerstoffgehalt im Blut (pO2 in mm Hg, normal ist ein Wert > 65 mm Hg, wobei er auch vom Alter abhängt) auch den Kohlendioxidgehalt (pCO2 in mm Hg, normal < 45 mm Hg). Er gibt mir Informationen über die Entgiftungsfunktion der Lunge, da das Kohlendioxid zu einer zunehmenden Vergiftung des Körpers führen kann, der zu einer chronischen Müdigkeit führt. Weiterhin bekomme ich die Sättigung des Blutes mit Sauerstoff (in %, Normal > 90 %). Die anderen Werte geben mir Auskunft über den Säuerungsgrad des Blutes (pH-Wert, Normal 7,4, Base Excess). Im Blut kommt es z.B. bei Erhöhung des Kohlendioxids zu einer zunehmenden Übersäuerung. Dies macht sich in diesen Werten bemerkbar.

W.R. – Sie als Pneumologe haben nun durch ihre Untersuchungen festgestellt, der Patient braucht eine zusätzliche Sauerstoffversorgung. Was bedeuten hier die Begriffe „Langzeit“, „Bei Bedarf“, „in Ruhe“? Z. B. bei Bedarf, muss ich mir das so vorstellen, dass der Patient, immer wenn er Atemnot leidet, den Sauerstoff benutzt?

Dr.E.S. – Auf der Verordnung für die Krankenkasse, sowie für den Patient, müssen genaue Angaben über die Anwendung des Sauerstoffs stehen.
In Untersuchungen ist festgestellt worden, dass eine Anwendung mit Sauerstoff die besten Effekte auf Luftnot, Belastbarkeit und Verhindern des Fortschreiten der Erkrankung hat, wenn er mindestens 16 Stunden am Tag benutzt wird. Da es damit nicht nur für 2 Wochen getan ist, sprechen wir von einer Langzeitversorgung, anders als im Krankenhaus, wo z.B. bei einer Lungenentzündung nach Ausheilung kein Sauerstoff mehr benötigt wird. Nun wird die Flussrate (wie viele Liter in der Minute fließen sollen) in Ruhe und unter Belastung angegeben (Bei Bedarf z.B. bei Luftnot oder bei körperlicher Aktivität angegeben, d.h. wie die Sauerstoffrate pro Minute gesteigert werden kann und welcher Wert nicht überschritten werden sollte).

W.R. – Kann die zusätzliche Sauerstoffversorgung die Atemnot reduzieren oder gar beseitigen?

Dr.E.S. – Atemnot ist ein vielschichtiges Problem, welches durch komplexe Vorgänge im Körper verursacht wird. So verursacht ja z.B. auch mangelnde Kondition unter Belastung Luftnot. Hier spielen Atemrezeptoren, Hirnstamm, zentrale Gehirnfunktion, Muskelfunktion etc. eine Rolle. So gibt es ja Betroffene, die starke Luftnot verspüren und andere, bei denen die Luftnot gar nicht so sehr im Vordergrund steht. Sicher ist, dass die zusätzliche Gabe von Sauerstoff, wenn medizinisch notwendig, tatsächlich die Luftnot in Ruhe und unter Belastung verbessern kann. Hier ist aber nicht mit einem Effekt nach einem Tag zu rechnen, sondern der Effekt tritt häufig erst nach einiger Zeit ein.

W.R. – In Gesprächen mit anderen Sauerstoffpflichtigen, hört man oft von einer Flussrate, z. B. 2 Liter/Minute. Wie wird diese Flussrate festgelegt?

Dr.E.S. – Die Gabe von Sauerstoff kann man mit der Einnahme von einem Medikament zu vergleichen, d.h. auch Sauerstoff muss dosiert werden. Die Flussrate gibt somit die Dosis in Litern Flussrate pro Minute an. Die Dosis wird mittels Blutgasanalyse bestimmt. Hier ist das Ziel einen Sauerstoffwert von > 60 mm Hg zu erreichen. Eine zu hohe Dosis z.B. 6-7 l/min kann zu einem Anstieg des Kohlendioxids und somit zu einer Vergiftung, mit Lähmung des Atemzentrums führen. Deshalb ist die Vorgabe des Lungenarztes so wichtig.

W.R. – Die Flussrate wurde festgelegt und der Patient kommt auch immer gut damit klar. Je nachdem welche Aktivität der Patient gerade durchführt, ist die Luft schnell weg. Ist es schädlich, wenn der Patient den Sauerstoff dann höher dreht als festgelegt wurde? Was geschieht dann, wenn zu viel Sauerstoff genommen wird?

Dr.E.S. – Wie schon oben ausgeführt, ist die Gabe von Sauerstoff mit der Einnahme eines Medikamentes zu vergleichen, d.h. hier sind die Vorgaben des Lungenarztes konkret einzuhalten.

W.R. – Sie erwähnten eben die Erhöhung des CO2-Wertes. Wie hoch ist der Wert normal und wie hoch darf er sein, um keinen Schaden anzurichten?

Dr.E.S. – Normalerweise ist der pCO2-Wert < 45 mm Hg. Viele Lungenpatienten haben aber einen chronisch erhöhten CO2-Wert, an den der Körper sich angepasst hat. Gefährlich wird es, wenn dieser Wert bei Lungenpatienten weiter ansteigt z.B. im Rahmen einer Lungenentzündung . Häufig fällt dies durch eine zunehmende Müdigkeit ähnlich einer Narkose auf. W.R. - Kann man als Erkrankter selber merken, ob der CO2-Wert zu hoch ist, oder muss das gemessen werden? Wie äußert sich das? Dr.E.S. - Prinzipiell kann man selber eine Erhöhung des CO2-Wertes nicht merken. Vermehrte Herzrhythmusstörungen, häufige Infekte oder auch Schlafstörungen können damit zusammenhängen, also eher sehr unspezifische Merkmale. Ein Alarmzeichen kann eine zunehmende Schläfrigkeit sein. Dies ist aber schon sehr gefährlich. Deshalb ist die routinemäßige Kontrolle sehr wichtig. W.R. - Gibt es eine Möglichkeit den CO2-Wert selber zu senken? Muss man mehr Sauerstoff zufügen, oder weniger bzw. gar keinen? Dr.E.S. - Selber kann man leider diesen Wert nicht senken. Im Moment gibt es wissenschaftliche Ansätze, die versuchen durch Training der Atemmuskulatur hier einen Effekt auszuüben. Auch sogenannte Inspirationstrainer werden dabei untersucht. Wenn man Sauerstoff benötigt, ist hier der Verzicht zur Senkung des Kohlendioxids ein großes Problem, da dies auch mit vermehrter Luftnot einhergeht. Hier muss der Lungenarzt die Notwendigkeit einer Beatmungstherapie mittels Maske überprüfen, die tagsüber bei Bedarf und vor allem nachts im Schlaf getragen wird (NIV) und mit der maschinell das CO2 dem Körper entzogen wird. W.R. - Wenn man in eine Situation wie in der letzten Frage kommt, ruft man da besser den Notarzt an, oder gibt es eine Möglichkeit selber etwas zu tun? Dr.E.S. - Hier würde ich den Notarzt empfehlen, da häufig eine lebensbedrohliche Situation durch zu viel CO2 entstehen kann. W.R. - Was ist mit einem Patienten, der durch seine Erkrankung einen zu hohen CO2-Wert hat, kann dem dann überhaupt noch eine zusätzliche Versorgung helfen? Ist es dann nicht gefährlich für den Patienten? Dr.E.S. - Ja, wie schon oben ausgeführt, stellt die zusätzliche Anwendung einer Beatmung mit Maske auch zu Hause eine Erweiterung der Behandlung mit Sauerstoff dar, um die Atempumpe zu entlasten und das CO2 zu entfernen. W.R. - Stimmt es, dass, wenn man zusätzlichen Sauerstoff verwendet, davon abhängig, also süchtig wird, wie bei einer Droge? Das man dann überhaupt nicht mehr ohne diesen zusätzlichen Sauerstoff auskommt? Dr.E.S. - Auch wenn häufig Werbung gemacht wird, mit sogenannten Sauerstoffduschen, die angeblich das Wohlgefühl verbessern sollen, ist nicht mit einer Abhängigkeit zu rechnen. Man benötigt den Sauerstoff wegen seiner Lungenerkrankung, da die kranke Lunge nicht mehr in der Lage ist, genügend Sauerstoff aus der normalen Luft in den Körper zu transportieren. Viel wichtiger ist, dass die Krankheit positiv beeinflusst wird. W.R. - Gibt es Erkrankungen, bei denen man keinen zusätzlichen Sauerstoff einsetzen sollte? Ich denke da an eine Zusätzliche Erkrankung, zur COPD dazu. Dr.E.S. - Tja, hier spielt leider weniger eine Erkrankung, sondern mehr der Rauchkonsum eine Rolle. Wir sehen leider einige Betroffene, die trotz Sauerstoff in der Nase eifrig rauchen und sich damit der Gefahr der Verbrennung und Explosion aussetzen. Normalerweise bekommen Patienten, die nachweislich weiter rauchen, keinen Sauerstoff für zu Hause, aber zwischen dem Verhalten im Krankenhaus und zu Hause können durchaus Unterschiede bestehen. W.R. - Gibt es noch andere Erkrankungen, wo eine zusätzliche Sauerstoffversorgung von Nöten ist? Dr.E.S. - Viele Lungenerkrankungen können zu einer Störung des Sauerstoffaustausches führen. Hier ist z.B. die Lungenfibrose, Lungenembolie, Sarkoidose oder auch die Mukoviszidose zu nennen. Aber auch bei der Silikose (Quarzstaublunge) kann Sauerstoff notwendig sein. W.R. - Einige unserer Leser, lesen den Newsletter für ihre Angehörigen und sind gesund. Für diese Leser eine letzte Frage. Thema Sauerstoffbars. Wie schaut es denn aus für die gesunden Menschen, ist eine solche zusätzlich Zufuhr an Sauerstoff vorteilhaft? Bringt das wirklich etwas? Oder sollte man da besser abraten? Dr.E.S. - Hier muss ich leider sagen, dass hier nur die Betreiber einen finanziellen Effekt haben. Viele glauben daran, aber ein wirklich gesundheitlicher Effekt ist nicht zu sehen. Anders kann es in der Wundbehandlung oder bei Tauchunfällen aussehen, aber hier geht es um medizinische Anwendungen. W.R. - Herr Dr. Skobel, ich danke ihnen für dieses informative Gespräch. Das Interview führte für den COPD & Lunge e. V., Wolfgang Ramsteiner Quelle: openPR

geschrieben von: sascha am: 19.02.2013
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