Der Geist des Anfängers – Warum wir trainieren (Teil 3)

Japanese tea ceremonyAngst projiziert uns in die Zukunft

Anders die Angst – sie fokussiert unsere Aufmerksamkeit auf ein Ereignis in unserer Einbildung, das wir mit verletzt sein, Schmerzen ertragen müssen, besonderen Herausforderungen gegenüber zu stehen oder enttäuscht zu werden in Verbindung bringen.

Wie schon beim Ärger: versuche an etwas zu denken, das die Angst macht. Es kann eine große oder eine kleine Angst sein. Es kann auch eine kurze vorübergehende Angst sein, so wie in dem Moment so das Quietschen von Reifen hörst, dich augenblicklich umdrehst nur um sicher zu sein, dass dein Kind nicht auf der Straße ist. Oder es kann auch etwas längeres sein. Stell dir vor, du wirst mit deinem eigenen Auto gekidnappt, oder du sollst vor tausenden von Menschen eine Rede halten, oder du hast dein ganzes Geld durch Aktien-Spekulation verloren, oder dein Partner hat dich verlassen, oder du sitzt in einem abstürzendem Flugzeug.

Jetzt verstehe, dass diese fürchterlichen Dinge, die du dir vorstellst, irgendwann in der Zukunft geschehen, nicht jetzt. Um die Furcht wirklich erfahren zu können, müsst du die Gegenwart verlassen und dich zu jenem schlimmen Ort begeben, den du selbst in deinem Geist geschaffen hast.

Furcht entfernt dich ebenso wie Ärger aus der Gegenwart und nimmt dir die Möglichkeit, so wirkungsvoll wie möglich auf die Geschehnisse in der Gegenwart zu reagieren.

Ständige Befürchtungen hindern uns am Fortkommen

Ständige Befürchtungen beeinträchtigen dein Gleichgewicht, indem sie dich ständig zwischen der hin und her ziehen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne dich in der Gegenwart zur Ruhe kommen zu lassen. Sie treibt dich in eine eigene Realität die von Emotionen bestimmt wird, welche nicht dazu geeignet ist, dein eigenes Leben zu leben.

Du kannst die Befürchtungen als eine Kombination von Furcht, deren Grund du nicht wirklich benennen kannst, verbunden mit Wut über etwas, das nicht wirklich passiert ist. Im Ergebnis trittst du auf der Stelle, unfähig, Entscheidungen zu treffen oder eine effektive Strategie zu entwickeln.

Mit Befürchtungen kann man ein bisschen schlechter experimentieren als mit Wut oder Furcht. Der Grund liegt daran, dass sich Befürchtungen außerhalb der kontrollierten Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen befinden. Vielmehr manifestieren sie sich psychologisch mit Symptomen, die in direkter Beziehung zu deiner „natürlichen Stressreaktion“ stehen.

Lass uns einmal folgendes versuchen: Denke an eine Person oder eine Situation, die dich ängstigt. Der Schlüssel dabei ist, dass du anders als bei Wut oder Angst, kein bestimmtes emotionales Ereignis auswählen kannst, dass sich tatsächlich zugetragen hat oder eines, welches ganz sicher eintreten wird. Wohin bringt dich das?

Gut, stelle dir jemanden vor, mit dem du eine Beziehung hast, die dein tägliches Leben beeinflussen kann, der aber zugleich so unberechenbar ist, dass du niemals weißt, was du von ihm erwarten kannst. (Ein Tipp: Teenager und deren alternde Eltern erfüllen diese Kriterien hervorragend.) Oder, konzentriere dich auf kleine Dinge, die du erledigen musst, all die Dinge für die du verantwortlich bist, und all die großen Aufgaben, die du aber nicht erfüllen kannst, weil die die Zeit fehlt. Oder, denke vielleicht einfach nur an ein oder zwei Dinge, die dir sehr wichtig sind, die du aber nicht kontrollieren kannst.

Was passiert? Egal was von vorgenannten Dingen du auch umsetzten möchtest, du bist immer gezwungen dein Denken auf etwas zu konzentrieren, dass passieren könnte. Wenn du die Geschehnisse aufmerksam beobachtest wirst du feststellen, dass du über-wachsam bist und sich deine Gedanken immer in den gleichen Spuren bewegen, sich im Kreise drehen, wie ein Tier, dass in einem Käfig gefangen ist.

Schließlich konzentriert sich deine Aufmerksamkeit auf eine endlose Kette von Fragen des Lebens „Was wäre wenn…“ und „Oh, nein …“ Indem du dich emotional auf etwas konzentrierst, das sich ereignen könnte, bist du nicht in der Lage dich auf das zu konzentrieren, dass tatsächlich geschieht, oder darüber nachzudenken, wie damit umzugehen ist.

Auf gewisse Weise bereitet uns das Kampfkunsttraining darauf vor, mit Notfällen umzugehen, und ist insofern anderen Notfallübungen ganz ähnlich. Ich glaube wir können einige grundlegenden Dinge hinsichtlich der Kontrolle der persönlichen Gefühle von jenen lernen, die das in ihrem Beruf brauchen. Notärzte, Rettungssanitäter, Polizeibeamte, Wettkämpfer, Soldaten, Rennfahrer, Kampfsportler müssen alle eine wichtige Fähigkeit lernen – nämlich ihre Gefühle und Emotionen abzuschalten und sich voll und ganz auf die vor ihnen liegende Aufgabe zu konzentrieren. Was ist das Ergebnis? Sie blockieren nicht die ihr inneres Gleichgewicht störenden Emotionen, in dem sie sich nicht auf die Situation einlassen, vielmehr tauchen sie voll ein und handeln – das Tun der Dinge, führt letztlich zu Lösungen.

Die letzte Lektion: „Den Geist des Anfängers bewahren“

Die ersten beiden Prinzipien in Bezug auf das persönliche Gleichgewicht, die der alte Meister dem Schüler zu vermitteln versucht, Lösungen zu sehen und die Emotionen zu kontrollieren, sind für manche leichter zu meistern als von anderen. Allgemein ausgedrückt, sind dies Aspekte unserer Persönlichkeit die nur durch eine Kombination aus Erfahrung, Disziplin und Reife entwickelt werden können. Es sind aktive Einstellungen die uns helfen konzentriert und wachsam zu bleiben. Der dritte Aspekt des persönlichen Gleichgewichts, „den Geist des Anfängers zu bewahren“, ist anders. Hier geht es um Vertrauen, Wertschätzung und Offenheit. Es geht um die Freude am Leben. In vielerlei Beziehung ist dies der von den dreien am schwersten zu erfassende Aspekt. Dennoch ist dieser aber von höchster Wichtigkeit wenn es um das Erlangen eines echten persönlichen Gleichgewichts geht.

„Der Geist des Anfängers“ ist ein Ausspruch der von Kampfkünstlern wie Zen-Meistern gleichermaßen verwendet wird. Er beschreibt die Fähigkeit sich einen Sinn für Bewunderung und Erregung selbst über kleine alltägliche Dinge zu bewahren. Der Geist des Anfängers ist offen für neues Wissen und neue Erfahrungen. Er ist in der Lage sich voll und ganz auf die vor ihm liegenden Aufgaben zu konzentrieren, ohne zu sehr selbstverliebt zu sein, ohne Vorbehalte, oder die Angst zu versagen (es gibt einem viele Freiheiten, kein Experte zu sein).

Das wichtigste aber ist, dass der Geist des Anfängers keine Grenzen um das, was er weiß und was er nicht weiß errichtet. Dieser Fakt allein ist aus einem einzigen Grund von ungeheuerem praktischen Wert. Indem er nämlich flexibel und frei von festgelegten Dogmen ist, kann sich der Geist des Anfängers jeder Herausforderung und jedem Problem stellen, gleich unter welchem Gesichtspunkt. Er ist also in gewissem Sinne darauf programmiert, Lösungen zu sehen.

Die Ironie dabei ist, dass wir als Kinder mit diesem Geist des Anfängers geboren werden. Unglücklicherweise aber stumpft uns genau die gleiche Kombination aus persönlichen Lebenserfahrungen, die es erforderlich macht, Lösungen auf plötzlich aufkommende Probleme zu sehen, und unsere Emotionen in Notfällen zu kontrollieren, ab und macht uns zynisch und pessimistisch. Letztlich laugen uns aber Znyismus und Pessimismus aus und sind von persönlichem Gleichgewicht ebenso weit entfernt wie Ärger und Furcht.

Wie können wir es angehen, den Geist des Anfängers zu entwickeln? Das erste ist, dass wir Kontrolle darüber gewinnen müssen wie wir uns dem Leben stellen und wie wir Ereignisse wahrnehmen. Ein Beispiel: Ich fordere meine Schüler und Klienten dazu auf, täglich eine einfache Aufgabe für den Geist des Anfängers auszuführen, gleich wie schwierig das manchmal auch aufgrund äußerer Umstände sein mag. Ich bin überzeugt, dass diese Festlegung einen immer größeren Stellenwert einnimmt und keinesfalls vernachlässigt wird, denn jeder spürt, dass er für sein Leben gegen eine der Herausforderungen des Lebens ankämpft. Die Aufgabe ist folgende: Interessiere dich täglich ernsthaft für etwas, mit dem du nichts zu tun hast und das auch in keinerlei Beziehung zu deiner aktuellen Situation steht.

Es ist ganz klar, dass diese Aufgabe auf vielerlei Weise umgesetzt werden kann – auf einfache oder auf schwere Art. Zum Beispiel kann man einen Teil der Zeitung lesen, den man für gewöhnlich nicht anschaut, eine Fernsehsendung sehen, die man normalerweise nicht ansieht oder ein Buch lesen, dass man unter normalen Umständen nicht lesen würde. Du kannst zu einem Fußballspiel gehen, in ein Konzert oder zum Wrestling, wenn das für dich neue Aktivitäten sind. Gehe einem Hobby nach. Gehe einmal anderswo essen. Sprich mit jemandem um etwas über sein Leben zu erfahren. Fahre zum nächstem Gericht und wohne einer Verhandlung bei. Gehe zu einer Kirche in deiner Nähe und setze dich bei einer Hochzeit oder einer Trauerfeier im Hintergrund hinein. Fühle mit den Menschen die Freude oder den Schmerz. Nimm dir einen Augenblick Zeit und erfreue dich an etwas Einfachem: dem Sonnenuntergang, einer Blume, dem Knarren eines alten Baumes oder dem Bellen eines Hundes. Nimm einen anderen Heimweg. Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

Es geht darum, dass du kurz aber vollständig in eine völlig neue Welt eintauchst. Das Wichtigste dabei ist, alle Vorbehalte aufzugeben und sich auf diese Abenteuer einzulassen, so wie sie sind – gerade in jenem Augenblick, ohne auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, wohin einen dies bringen kann, oder welchen Nutzen dies in der Zukunft einmal haben könnte.

Tatsächlich ist all das eine Variation von dem, was wir jedes Mal erleben, wenn wir ins Dojo gehen. Wir dürfen uns sehr glücklich schätzen.

Eines Tages kommen der Meister und der junge Krieger zum gleichen Punkt. Sie verstehen, dass die Fähigkeit Lösungen zu sehen, die Gefühle zu kontrollieren und den Geist des Anfängers zu bewahren, keine voneinander unabhängigen Ziele sind. Vielmehr sind sie in Wechselwirkung stehende Aspekte des grundlegenden Prinzips der Kampfkünste – dem persönlichen Gleichgewicht, der Ausgeglichenheit. Wenn diese gemeistert sind, so arbeiten diese nahtlos zusammen, um dich einerseits vor den Risiken des Lebens zu schützen und dir andererseits zu erlauben, dich an den Geschenken des Lebens zu erfreuen. Sie das Pferd, das Schwert und der Schild welche wir brauchen, um der erdrückenden Krise, dem unerwünschten Wechsel, dem intensiven Konflikt des Lebens begegnen zu können. Sie müssen ebenso natürlich werden wie unsere Reaktion wenn der Fuß auf einem nassen Boden ausgleitet, aber doch rasch wieder festen Hält gewinnt.

Edmond Otis, 8. Dan, International Chairman & North America Chief Instructor of the American JKA Karate Association–International (AJKA-I), and Pan-America Regional Chairman WUKO (World Union of Karate-do Organizations)

Der Original-Beitrag ist im Masters Magazine erschienen. Übersetzt von Ralph P. Görlach mit freundlicher Genehmigung von Edmond Otis.

Weitere Teile der Reihe:

Teil 1: Samurai-Erzählung: Der Schüler und der Lehrer (Warum wir trainieren)

Teil 2: Warum wir trainieren – Persönliche Ausgeglichenheit

geschrieben von: sascha am: 24.01.2013
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Kommentare

Ein sehr guter Artikel, der Spass gemacht hat zu lesen.

Ich hab das was in den Texten steht sogar heute Angewendet, so ganz läßt sich der innere Kritiker nicht ausschalten und funkt einen immer noch dazwischen was denn alles passieren könnte. Doch mit etwas Übung kann es ausgemerzt werden. Das ich sehr stolz bin heute diese Herausforderung gemeistert zu haben muss ich glaube nicht sagen.

mir gefällt die Idee der Unbekümmertheit des Geistes des Anfängers. Stets automatisch die Motivation zu haben NEUES aufzusaugen wie ein Schwamm. Nicht zu bewerten gut / schlecht oder sinnvoll / nicht sinnvoll oder interssiertmich/interessiertmich nicht. Es ist tatsächlich so, dass man sich irgendwie nicht weiterentwickelt wenn man sich NEUEM (Herausforderungen … Aufgaben … Problemen … usw.) verschließt. Vor allem sollte man sich keine „Kann ich nicht Einstellung … keine Zeit … früher haben wir das anders gemacht Mentalität“ angewöhnen. Ich finde es gut wenn man sich dieser Aufgabe und dieser Lifestyleeinstellung „Bewahre den Geist des Anfängers“ annimmt und praktiziert. Ich glaube dieser Motor bringt voran.

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